Autor: katja

  • Playdoyer für das Wüstenwandern (2)

    ein, zwei, drei, vier, fünf Sinne

    Das Erleben der Wüste ermöglicht die Erfahrung der Leere und der Weite, des Sternenhimmels in der Nacht und der unberührten Natur. Wir werden konfrontiert mit uns selbst, ein Spiegel der Seele wird uns vorgehalten durch die Reduktion jeglicher Außenimpulse, seien es Lärm, visuelle Reize, Licht wenn es eigentlich dunkel ist, Kontakte mit anderen und soziale Anregungen. Auf diese Weise wird einem wieder nähergebracht, was wirklich wichtig ist, und was nicht. Demut und Respekt vor dem Leben, der eigenen Machbarkeit. Unser Wach-Schlafrhythmus passt sich der Natur an. Wir gehen bald nach Dunkelwerden schlafen, wachen spätestens mit dem Sonnenaufgang auf und erleben dabei, wie sich der eigene Rhythmus mit dem Licht verändert. Innere Wünsche, vielleicht tief verborgen, werden wiederbelebt, weil auf einmal Raum dafür da ist. Unsere fünf Sinne werden in ihrer Gesamtheit angesprochen, eben weil nicht einer alleine ständig überbeansprucht wird. Das Gefühl, wenn feiner Sand durch die Finger rieselt, barfuß gehen auf einer Dünenkante, der Sonnenuntergang mit dem Hereinbrechen plötzlicher Dunkelheit oder die Wärme des Feuers in der kalten Nacht und die vollkommene Stille …

    Vieles berührt, das sonst untergeht und die Sensibilität wird wieder geschärft. Das Gehen, im Sand zählt jeder Schritt, erhält eine meditative Wirkung, die sich in einer Landschaft der Weite und des ewig-gleichen Horizonts noch verstärkt. Es erzeugt die Ruhe, in sich zu kehren, ohne äußere Ablenkung. Für manche eine Bedrohung, für andere eine Chance, wieder zu sich zu kommen.

    Aus der Reduziertheit in eine neue Fülle

    Mein Lernen aus den Erfahrungen des Wüstenwanderns zeigt sich auf unterschiedlichsten Ebenen, die auf den ersten Blick vielleicht gar nichts mit der Wüste zu tun haben. Prioritäten ordnen sich neu, manches, das zuvor wichtig oder belastend erschien, erhält danach einen anderen Stellenwert oder verliert sein bedrohliches Potenzial. Diffuse Ängste können sich erhellen und auflösen, wenn sie dem konkreten Erleben gegenübergestellt wurden. Am meisten zählen für mich aber die neuen Horizonte, die sich auftun und neue Möglichkeiten aufzeigen, an die ich zuvor in meinen Routinen und dem Üblichen nicht gedacht habe oder nicht zu denken gewagt habe. Und danach, zurück in der Fülle, erscheint alles bunt, farbenfroh und lebendig.

    Emptiness is not nothingness

    Wüstenwandern ermöglicht auch Erfahrungen, die uns unserer Weisheit näher bringen. In manchen spirituellen Texten werden die Wüste oder ihre Begleiterscheinung als Parabeln herangezogen wie zum Beispiel in der Bibel. Barbara Rauchwarter schreibt in ihrem Buch „Genug für alle“ im Zusammenhang mit dem Auszug der Juden aus Ägypten: „Kaum ein Ort macht den Schrecken von Raum so deutlich wie die Wüste. Denn sie ist wie leerer, endloser Raum. Sie läßt das eigentlich Räumliche, das Körperhafte vergessen. Vielleicht kann sie deshalb zu einem Ort der Gotteserfahrung werden. Gott sprengt alles Räumliche.“

    Die räumliche Erfahrung der Leere in der Wüste ermuntert dazu, diese auf unsere Existenz zu übertragen und zu reflektieren. Für die Buddhisten gilt: „emptiness is not nothingness it is the wisdom“. Thich Nhat Hanh erklärt das anschaulich und er sagt: „You (every person) are full of the cosmos but you are empty of a separate self. You are a lineage.“

     

    Zuletzt noch eine Warnung! Wer einmal einsteigt, der kommt nicht so schnell wieder los. In dem Artikel über das erste Mal in der Rub al-Khali beschreibe ich diese Erfahrung als imprint, die Wüste hat sich mir eingebrannt. Alfons Gabriel hielt Folgendes fest:

    …[die Wüste] Entsetzten bedeutet sie dem ihr Fremden ; unstillbare Sehnsucht zu ihr zurückzukehren, legt sie in das Herz dessen, der sie kennengelernt hat in ihren Herrlichkeiten und Schrecken. Eisern hält die Wüste den fest, der ihrem Bann einmal verfiel.

    Alfons Gabriel, österreichischer Arzt und Forschungsreisender, aus seinem Buch: Durch Persiens Wüsten, 1935

    Gute Reise!

     

    Referenzen:
    Barbara Rauchwarter, Genug für alle, Biblische Ökonomie, 2012. Wieser Verlag
    Das Foto mit Weitblick stammt von Uta

    Zu Teil 1 der Überlegungen über das Wüstenwandern: Playdoyer für einen Sidestep aus der Komfortzone

  • Playdoyer für das Wüstenwandern (1)

    Grenzen erfahren

    Sich in die Wüste begeben und diese zu durchwandern ist für durchschnittliche EuropäerInnen gewissermaßen eine Extremsituation. Bis zu 30 Grad Temperaturunterschied innerhalb eines Tages, Sandstürme und andere unerwartete Wetterereignisse, die Strapazen des Gehens in der Wüste und speziell auf Sanddünen, der Schutz des Körpers vor der aggressiven Sonne bei Tag und der Kälte in der Nacht, die hygienischen Limitationen, die eingeschränkte Verfügbarkeit von Wasser … ich möchte keine abschreckende Liste entwerfen, sondern nur aufzeigen, dass es sich hier um elementare Erfahrungen handelt, die an die menschliche Substanz gehen. Es sind Bedingungen, denen wir uns im Alltag niemals freiwillig stellen würden. Warum sich also so weit außerhalb der Komfortzone begeben? Nur um die Schönheiten der Natur zu entdecken und genießen?

    It’s not all about beauty …

    Die eigene Komfortzone zu verlassen ermöglicht ungewöhnliche Lernimpulse. Das persönliche Durchleben einer völlig fremden Situation, die starke Emotionen wie Angst oder Glücksgefühle auslöst, wirkt als Katalysator für eigene Verhaltensänderungen. Aus meiner Sicht bietet die Wüste jedem Lernenden einen perfekten Erfahrungsraum. Mir eröffnet das Erlebnis – zu Fuß unterwegs in der Wüste – jedes Mal von neuem außergewöhnliche Eindrücke.

    Komfort lass los!

    Die Reduktion auf Basisbedürfnisse und das Zurückstecken jeglichen Komforts zeigt mir klar die Begrenztheit meines Handelns und Wirkens auf. Für mich ist das eine heilsame Erfahrung, weil wir ja in unserer Kultur darauf ausgerichtet sind, alles und vor allem unsere Umwelt kontrollieren und planen zu können. Es wäre natürlich fatal, sich ungeplant der Wüste auszusetzen, es braucht viel und sorgsame Vorbereitung, um so eine Tour auf die Beine zu stellen, und dazu auch die richtige Begleitung. Aber sobald man in der Wüste ist, kann man nur mehr innerhalb des Ermessensspielraumes agieren. Und dieser entscheidet sich immer im gegenwärtigen Moment – dann, wenn man direkt damit konfrontiert wird. Der Fokus verschiebt sich auf das Sein und den aktuellen Moment Der Alltag zu Hause und das Außen verlieren sofort an Bedeutung und verschwinden so lange, bis man wieder in die Zivilisation zurückkehrt.

    Der Schutz des eigenen Körpers wird zur vordringlichen Aufgabe, denn das Übersehen von Details kann schnell sehr schmerzhaft werden. Eine gute Übung. Unter diesen Bedingungen kann man nicht wählen, sondern muss sich ständig um die Erhaltung der eigenen Körperfunktionen kümmern. Das Gelingen ist daher eine tiefe Befriedigung, denn das liegt wirklich in der eigenen Hand, das hat man tatsächlich selbst geschafft. Es tut gut zu erleben, dass so vieles „ohne“ möglich ist, also ohne Wasser zum Waschen, Toilette und ohne elektrisches Licht und Strom, Internet und jegliche Außenkontakte auszukommen. Selbstgewählte Unerreichbarkeit, wo ist das heute überhaupt noch möglich?

    Einer, der in der Wüste seine Grenzen ausgelotet und dafür sich selbst gefunden hat: Mubarak Bin London

    p.s. ein guter Test für eure Aufmerksamkeit: wer hat das Kamel am Bild entdeckt?

  • Der Trost des Nachthimmels

    Der Trost des Nachthimmels

    Wenn du den Nachthimmel lange genug beobachtest, begreifst du, dass jeder Stern allein und unendlich weit vom nächsten entfernt ist, aber dass sie alle einem Gesetz unterliegen und dass dieses Gesetz ihre Einsamkeit aufhebt. Es verbindet sie, stellt Beziehungen zwischen ihnen er, es beginnt ein Gespräch unter ihnen, selbst wenn sie sich dessen nicht bewusst sind. So muss es auch mit den Menschen sein,“ …. „Wir sind tatsächlich allein und jeder für sich, aber wir wissen, dass es ein Gesetz gibt, das uns verbindet, weil wir ihm alle unterliegen. Solange es existiert, solange es uns verbindet, sprechen wir mit unseren unbekannten Brüdern.

    aus Der Trost des Nachthimmels

    Begegnung mit dem bosnischen Autor Dzevad Karahasan und seinem Roman Der Trost des Nachthimmels

    Es ist ein Erlebnis, den Roman zu lesen und ein Ereignis, mit dem Autor über seinen Roman und noch viel mehr zu sprechen. Dzevad steckt voller philosophischer Betrachtungen über die Kunst des Lebens und überträgt diese auf das Leben in restriktiven politischen Systemen. Das persische Mittelalter als Spiegelbild von heute. Omar Khayyam als mathematisches Genie, Astronom, Poet – und als Mensch in einem Entwicklungsroman. Auf der Suche nach der Wahrheit, die es nicht gibt.

    Gemäß seinem Glaubenssatz „Die Welt kann man nur über das Narrativ erklären“ hat Dzevad Karahasan seinen Roman über Omar Khayyam geschrieben und damit ein aktuelles Bild der Herausforderungen unserer Zeit entworfen. „Die Wahrheit offenbart sich im Dialog“ (Platon) war die Grundlage unserer Auseinandersetzung mit diesem vielschichtigen Roman. Zwei Themen haben mich aufgrund ihrer Aktualität besonders berührt: Der Paradiesblick, den zu bewahren in unserer Gesellschaft zur hohen Kunst geworden ist und die allgegenwärtige Angst, die uns manipulierbar macht.

    Der Paradiesblick…

    Omar Khayyam glaubt als junger Mensch und Wissenschaftler, dass es eine Wahrheit gibt. Im Laufe des Romans begreift er die Wertlosigkeit der Wahrheit in der Auflösung eines komplexen Kriminalfalles mit vielen Wahrheiten. Menschen wie Omar Khayyam leben in einer Welt der Konstrukte. Ihnen ist der Paradiesische Blick verwehrt, der ermöglicht mit der Naivität und Offenheit eines Kindes wahrzunehmen, die Dinge so zu sehen wie sie sind und nicht wie sie sich gemäß bestimmter vorgefasster Erwartungen in einem Koordinatensystem darstellen. Eine Qualität, die vielen Menschen im Laufe des Erwachsenwerdens abhandenkommt und die nur mühsam erlernt werden kann. Khayyam lernt das Unmittelbare wahrzunehmen, das Zeichen an sich und nicht das, was dahintersteht.

    Angst…

    Angst bestimmt den Menschen. Despoten sind von Angst getrieben. Omar Khayyam lebte in einer Zeit, als im Westen Heiden und im Osten Mystiker umgebracht wurden. Ich-Zentrierung der Herrschaft und Egoismus waren damalige Formen des Fundamentalismus, sie muten aber sehr heutig an. „Der Mensch ist ein Wesen der Angst“ und  „durch die Angst verschließen wir uns vor dem Leben“ zeigen klar auf, vor welchen Herausforderungen wir auch jetzt stehen.

    Im Gespräch – Die Literatur erinnert uns daran, was für Wesen wir wirklich sind:

    Das Titelphoto zeigt den großartigen Meidan-e Imam in Isfahan bei Nacht. Den großen Platz, genannt der Bauplan der Welt, querte auch Omar Khayyam mit seinen Gefährten.

    Danke an die Gea Akademie für die Idee und Organisation von Perlen wie dieser.

  • Dasht-e Lut (3): Die Wüste lebt

    Verirrtes Leben in der Dasht-e Lut

    Vermeintlich ist die Dasht-e Lut eine leblose Salzwüste. Unsere iranischen Begleiter bestätigen, dass die Menschen in Iran genau das noch immer glauben und sie daher außer Acht lassen.

    Kamelspuren im Sand

    In der Vergangenheit zogen Karawanen durch diese Wüste, meist auf ihrem Weg von Afghanistan oder Belutschistan im heutigen Pakistan nach Persien und weiter in den Westen. Das weite Gebiet der Sanddünen wurde dabei gänzlich umgangen, da es für Menschen und Kamele mit den Lasten schwer begehbar war und das wenige Wasser salzig ist. Trotzdem gibt es Leben in jedem Abschnitt der Wüste.

    Vermeintlich ist die Dasht-e Lut eine leblose Salzwüste. Unsere iranischen Begleiter bestätigen, dass die Menschen in Iran genau das noch immer glauben und sie daher außer Acht lassen. In der Vergangenheit zogen Karawanen durch diese Wüste, meist auf ihrem Weg von Afghanistan oder Belutschistan im heutigen Pakistan nach Persien und weiter in den Westen. Das weite Gebiet der Sanddünen wurde dabei gänzlich umgangen, da es für Menschen und Kamele mit den Lasten schwer begehbar war und das wenige Wasser salzig ist. Trotzdem gibt es Leben in jedem Abschnitt der Wüste.

    In den Sandmeeren gibt es verdorrtes niedriges Gras und Büsche, die grün werden, sobald Regen fällt. Das ist Futter für die Kamele, die an den Rändern der Sanddünen auch wild leben. Wir haben Kamele und Raben gesehen, Spuren von Mäusen und Schlangen, berichtet werden auch Skorpione. Interessant wurde es in den Kaluts, denn dort, in den magischen Steintälern mit ihren sandigen Verwehungen, gibt es keine äußeren Spuren von Pflanzen. In der Nacht, am Lagerfeuer haben wir trotzdem einen Wüstenfuchs dabei beobachtet, wie er um unsere Zelte schlich. Wir haben Skelette von Vögeln gefunden und es wird erzählt, dass sich die Wüstenfüchse von Zugvögeln ernähren, die sich verirren oder ausruhen wollen. Aufgrund des fehlenden Wassers werden sie zu einer leichten Beute. Dazu kommen noch Schlangen, Mäuse und Insekten. WissenschafterInnen sind gerade dabei, Flora und Fauna in der Dasht-e Lut zu untersuchen, bald werden sie ihre neuen Erkenntnisse veröffentlichen.

    Karawane der Vergessenen

    Babak hat sie entdeckt, die Überreste einer Karawane, mitten in den Kaluts. Die Stücke lagen verstreut, aber nahe beinander, sie waren gut sichtbar, hochwertig und über die vielen Jahre sehr gut erhalten. Ein Stoffmantel aus Jute, Socken, schöne gewebte Tücher, Sattelzeug von Kamelen, Tongefäße, von denen manche noch das restliche Pulver von Gewürzen oder Speisen enthielten. Es mutet eigenartig an, an so einem leblosen Ort vor langer Zeit hingeworfene Insignien menschlichen Lebens zu finden. Ist da nie jemand vorbei gekommen bzw. warum sind sie nie zurückgekehrt, um sich die Sachen zu holen? Sind sie gestorben, überfallen worden, haben sie sich verirrt und mussten alles abwerfen, was sie entbehren konnten, um schnell hinaus zu kommen aus dieser Wüste?

    Wenn man nicht als Archäologe, dessen Handwerk es ist, derartige Stücke zu kategorisieren und zu analysieren, auf solch einen Fund stößt, ist das zunächst einmal umwerfend interessant. Gleichzeitig löst es eine Mischung aus Demut und Respekt vor dem Verblichenen und dessen unbekannten Ursachen aus. Ohne zu wissen, was eigentlich passiert ist, sind diese Stücke aufgeladen mit möglichen letzten Emotionen wie Angst, Panik, Bedrohung, Erschöpfung, Ohnmacht, Wut. Diese möchte man sich nicht einfach so aneignen.

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    Beim Lagerfeuer denken wir uns eine Geschichte für sie aus: Eine reiche Familie auf dem Weg von Afghanistan nach Persien ist vom Weg abgekommen. Sie stiegen ab, setzten sich zu einer Shisha zusammen und besprachen die Lage, dabei wurden sie überrascht, vielleicht ein Sandsturm ……. sie konnten mit ihren Kamelen entkommen, hatten das Wichtigste bei sich und sind – ohne Blick zurück – weiter gezogen.

     

    Hier geht es zu Teil 1 und Teil 2 von Magnitude meets Multitude in der Dasht-e Lut.

  • Dasht-e Lut (2): Magnitude meets Multitude

    In den Kaluts – Märchenschlösser bauen

    Nach den Megadünen kamen wir in ein Gebiet, das Mehrdad, der langjährige Kenner der Lut, Sterndünen nennt, da sie in ihrer Formation spitz zulaufend diesen ähneln. Dort beginnen die ersten Kaluts, noch kleine Gesteinsformationen, die wie Pilze aus dem Sand ragen. Von oben hat man den Eindruck, auf archäologische Ausgrabungen zu blicken, da sich abgegrenzte Gesteinsstrukturen von der Sandebene scharf abheben. Darunter befindet sich auch das riesige „Auge der Lut“, das vom All aus betrachtet, genauso aussieht.

    Je tiefer wir vordrangen, desto beeindruckender gestalteten sich die Gebilde und das Staunen wurde von Phantasien über Städte, Paläste, Burgen und großen Schiffsflotten angereichert. Mächtige Lehmformationen bilden Täler, die sich parallel verlaufend kilometerlang hinziehen. Sie wirken fast surreal, wie in einer Marslandschaft, outer space. Wind und Sand haben diese einzigartige Naturerscheinungen über die Jahre geschliffen. Ich war wie gebannt und wollte mich nicht mehr fortbewegen, sondern mein Zelt für einen unbegrenzten Zeitraum aufschlagen und mich durch die Straßen der unbewohnten Häuserschluchten aus Lehm treiben lassen.

    Im Tal der Könige sind wir über das Teufelspflaster zum Märchenschloss gelangt, das oben am Berg thronte mitsamt seinen verspielten Türmchen. In der Morgensonne sind sie auf eimal wie mächtige Hochseeschiffe hinter dem Felsen aufgetaucht.

    Der Weg hinaus – kein Stoff für Drogenschmuggler

    Von der Ebene (Dasht) fuhren wir mit den Autos durch ein trockenes Flussbett, das sich lange dahin schlängelte und sich dann zu einem Canyon ausweitete. Auf einmal fuhren wir im Wasser und neben uns sprießten Dattelbäume und grellgrünes Gras aus dem karstigen Boden. Es kam so plötzlich, das erste Wasser und Grün nach zehn Tagen durch die trockene Leere, so als wäre es selbstverständlich immer da gewesen.

    Von Keshid, einer verlassenen Stadt am Ausgang des Canyons, gelangten wir unvermittelt auf die erste Strasse, die aus der Lut hinausführt. Zurück in der Zivilisation musste sich die weibliche Besatzung wieder verhüllen. Nach zehn Tagen ungenierter Entblößung zogen wir Schleier und Mantel über unsere schmutzigen Wüstenoutfits. Wir starteten bei 200 und mussten über die Berge auf 2500 Höhenmeter hinauffahren. Am Weg ging uns das Benzin aus und wir gelangten stockend zum ersten Dorf. Dort brachten uns Einheimische bereitwillig ein paar Flaschen gefüllt mit Benzin. Tankstellen sind hier verboten, da keine Infrastruktur für die Drogendealer geschaffen werden darf. Wir befanden uns am Weg nach Kerman, einer Verbindungsroute von Afghanistan. Jetzt waren wir wieder in der Zivilisation angekommen, Menschen, die uns und unsere großen Autos verblüfft anstarrten. Zur Feier des Ausgangs gab es ZamZam, die iranische Variante von Fanta und Cola. Gekühlt!

    Hier geht es zu Teil 1 von Magnitude meets Multitude und Teil 3 Die Wüste lebt

  • Dasht-e Lut (1): Magnitude meets Multitude

    200.000 Quadratkilometer, die Fläche von Österreich, der Schweiz und Bayern. Eine Salzwüste entstanden aus einem ehemaligen Binnenmeer. Die Dasht-e Lut oder Leere Ebene besticht durch ihre Vielfältigkeit, die sie über eine immense regionale Ausbreitung entfaltet. Von imaginären Mond- und Marslandschaften über Kleinst- und Megadünen durchsetzt von gewaltigen Gesteins- und Lehmformationen, die Dasht-e Lut bietet all das und noch viel mehr. Viel davon durfte ich bestaunen und ziehe meinen Hut, Schleier und Turban.

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    Reliefkarte von Iran

    Zu Fuß und mit Rädern

    Zunächst sind wir von Teheran nach Birjand geflogen, eine unaufregende Stadt im Osten, nahe der afghanischen Grenze. Dort haben wir das Betreuungsteam kennengelernt. Fünf Iraner, alle erfahrene Wüstenfüchse, haben uns mit ihren Autos begleitet und streckenweise durch die Lut geführt. Bald nachdem wir Birjand verlassen hatten, gab es keine nennenswerten Ansiedelungen mehr, aber es existieren Verbindungsstraßen Richtung Süden, entlang der Grenze. Die Leere hatte sich bereits eröffnet. Dann kamen wir durch dunkle Steinberge, die sich wie eine Mondlandschaft von der Umgebung abhoben und den Übergang zur sandigen Ebene bildeten.

    Hardships

    Am Beginn der Dünen schlugen wir unser erstes Nachtcamp auf. Nachdem es bereits um 16:30 dunkel wurde, mussten wir rasch unsere Zelte und die Versorgung aufbauen. Sobald die Sonne verschwunden war, wurde es eiskalt, dazu kam starker Wind, der uns bald vom wärmenden Lagerfeuer in die Zelte trieb. Wenn man drinnen liegt, ist die Gefahr geringer, dass das Zelt davonfliegt. Diese Nacht hat uns die rauen Seiten der Dasht-e Lut spüren lassen. Minus 10 Grad Celsius haben mich keine Minute schlafen lassen, dazu kam der Wind, der am Zelt rüttelte. Gegen 2 Uhr früh begann sich auf einmal die Erde unter mir zu bewegen. In sanften starken Wellen und für einige Sekunden war das Erdbeben, das in der Wüstenstadt Kerman mit 6,2 nach Richter bemessen wurde, aktiv. Bereits um 5 Uhr früh standen wir auf, es war noch finster und meine Finger blieben an den metallenen Zeltstangen haften. Das war der Moment, als ich mich kurz fragte, was in aller Welt mich hierhertrieb, aber wenige Zeit später, als wir gegen Sonnenaufgang loszogen, wusste ich es wieder. Die Weite, die Stille, die unberührte Natur haben mich die erste Stunde vorweg laufen lassen, damit ich sie ganz alleine für mich aufnehmen konnte. Ich war wie berauscht. Nach und nach wurden die kleinen Dünen größer und der Bewuchs änderte sich. Zwischendurch trafen wir hier noch auf Kamele, aber für die nächsten zehn Tage begegneten wir keinen Menschen, nur lange verblichenen Spuren.

    Jeden Tag gelang es besser, uns an die klimatischen Extreme anzupassen und wir legten täglich eine Strecke von etwa 25 km und 800-1000 Höhenmetern zurück. Am zweiten Abend konnten wir zunächst keine Verbindung zu unserem Team aufbauen, dann hörten wir über Funk, dass zwei Autos stecken geblieben waren. Wir hatten nicht viel Zeit bis zur Dunkelheit, dann wäre ein Treffen schwierig geworden. Wir vereinbarten die Richtung, liefen möglichst nahe an ein Dünental und teilten uns in zwei Gruppen. Die eine blieb auf der Dünenspitze um die Autos zu sichten, die andere Gruppe stieg ab und suchte Brennholz. Wir zogen alles an, was wir bei uns hatten und harrten der Dinge. Die Aussicht, bei Minustemperaturen ohne Zelt, Feuer und Essen zu übernachten, war wenig anheimelnd. Endlich, kurz nach Sonnenuntergang, erkannten wir Lichter in der Ferne und begannen mit unseren Lampen Signale zu geben. Wir rannten mehr oder weniger ins Tal, bevor die Dunkelheit das Gehen im Sand zu einer Tour de Force hätte werden lassen.

    Im Dünenmekka der Megadünen

    In den nächsten Tagen gelangten wir von den mittelhohen Dünen zu den Megadünen, die wie Bergmassive 400 Meter vor uns aufragten. An dieser Stelle mussten wir erkennen, dass wir auf dieser Reise die Sanddünen und die folgenden Kaluts nicht in der zur Verfügung stehenden Zeit zu Fuß bewältigen konnten. Den Aufstieg auf eine der Megadünen legten wir auf 6 Uhr früh, um ausreichend Kraft und Energie zur Verfügung zu haben. Ich musste bereits am Tag davor meine Schuhe gegen Sandalen eintauschen, da meine Zehen vollzählig vorhanden aber in einem bemitleidenswerten Zustand waren. Glücklicherweise gibt es vorausdenkende Wandersgenossen und -genossinnen, und ich konnte mir Sandalen ausborgen, die mit dicken Socken für gute Bodenhaftung sorgten. Stylesicher kam ich damit letztlich auf alle Dünen. Die Besteigung der Megadüne mit ihren 375 Metern in Sandalen schien zunächst zwar wenig erfolgversprechend, umso beglückender der Gipfelsieg. Der motivatorische Anschub durch die in Aussicht gestellten Haribo-Lamas ist nicht zu unterschätzen.

     

    Hier geht es zu Teil 2 von Magnitude meets Multitude und Teil 3 Die Wüste lebt

  • Safa kam aus dem Westen – persönliche  Antwort

    Safa kam aus dem Westen – persönliche Antwort

    Dieser Beitrag ist meine nachträgliche, persönlich geprägte Antwort auf die historische Analyse der Entstehung Europas und ihrer Auswirkungen auf die Beziehungen zum Osten.

    Der Rucksack

    Als Europäerin war ich zunächst völlig überfrachtet von eigenen, übernommenen westlichen (Angst-)Vorstellungen, feministisch geprägten Grundvorbehalten, unspezifischen Erwartungen an das andere, von orientalischen Märchen und Fantasien aus der Kindheit und von biblischen Plätzen, Weihnachten und Jesusgeschichten aus dem (protestantischen) Religionsunterricht gepaart mit den (Fernseh-)Bildern von Kriegsschauplätzen im Nahen Osten, solange meine Erinnerung zurückreicht. Und das war vor dem Beginn der großen Fluchtbewegungen über das Mittelmeer nach Europa, die ich von Jordanien aus und damit ganz anders erlebte.

    Europa kam aus dem Osten

    Auf Europas Geschichte und Ursprünge bin ich erst zum Ende meiner einjährigen Entdeckungsreise in arabischen Ländern aufmerksam geworden. In Beirut, wo ich im Museum auf dieses wunderschöne Mosaik aus Byblos stieß, und in Tyros, wo Europa Astarte als phönizische Ur-Göttin verehrt wird. Sie steht für Fruchtbarkeit, Sexualität und Krieg. Die göttliche Verkörperung des Morgen- und des Abendsterns. Die Geschichte Europas und ihrer Auswirkungen auf uns Europäerinnen haben für mich im Nachhinein Erkenntnisse erschlossen, die für mich während meines Aufenthaltes noch verschleiert waren.

     

    Bewegt – östlich und westlich des Mittelmeeres

    Die ganze Zeit über war ich über mich selbst verwundert, wie sehr mich manche Plätze und Begegnungen in Jordanien und Palästina emotionalisiert haben. Der unaufhörliche Drang, die arabische Kultur und Sprache besser kennen zu lernen, zu verstehen – verbunden mit einer für mich nicht erklärlichen Sehnsucht. Nirgendwo auf meinen Reisen hatte ich zuvor das Gefühl, zu meinen eigenen Wurzeln, zum eigenen Ursprung zurück gekehrt zu sein oder so etwas wie die ursprüngliche Heimat gefunden zu haben. In mir wurden so viele unbekannte Gefühle wirksam, denen ich mich hingab und von denen ich mich leiten ließ; weil ich sie rational nicht verstand und fühlte, dass sie mich in gewisser Weise meiner Selbsterkenntnis näherbringen würden. Sie haben meine Route vorgegeben durch Jordanien, nach Palästina, Israel, auf die arabische Halbinsel und zuletzt in den Libanon. Ich begriff nach und nach, dass es um viel mehr als den sprachlichen Erwerb ging. Mein Antrieb wurde mehr und mehr die Selbsterkenntnis, die sich mir in einem Ausmaß eröffnete, das weit über Reiseerfahrungen und die Konfrontation mit fremden Kulturen hinausging. Eben keine fremde Kultur, sondern eine ganz nahe, wenngleich auf einer basalen Verständnisebene.

    Als westliche Frau gewissermaßen eine Exotin habe ich für mich unbekannte Gastfreundschaft erfahren und Begegnungen mit Frauen und Männern mit ungeahnten Beziehungstiefen erlebt, gleichzeitig musste ich vereinzelt schwierige Erfahrungen machen, die mich an die Grenzen meines westlich sozialisierten Verhaltens-Repertoires heranführten. Ungeachtet dessen habe ich mich als Frau stark gefühlt, angstbefreit und geborgen – außerhalb des europäisch dominierenden Leistungs- und Bewertungswahns, den ich in jeder meiner Zellen wiederfand, von dem ich durchdrungen war. Europa ist dort, wo die Sinne der Ratio untergeordnet werden und das weibliche Element mit Vehemenz gesellschaftlich unterdrückt wird.

    Spurensuche ohne Orientalismus

    „Ohne Okzident kein Orient. Und ohne Orient kein Okzident.“ Viele sensible Geister sind der Sehnsucht in den Osten gefolgt und nachgegangen. Neben Reisenden, EntdeckerInnen und WissenschafterInnen auch zahlreiche KünstlerInnen – Musiker und Schriftsteller von Goethe, Balzac bis Liszt – nachzulesen in dem unglaublich reichhaltigen Roman Kompass von Mathias Enard (2015). Er thematisiert auch die Grenzen europäischer Erkenntnisinteressen und der Orientalisierung im Sinne der kolonialistischen Betrachtung. Edward Said hat diese Perspektive als erster in der Forschung zum Postkolonialisimus wissenschaftlich begründet (Edward W. Said, Orientalism, 1978). Er stellt klar, dass die „Erfindung“ des Orients und die „Erfindung“ Europas als Seiten der gleichen Medaille darzustellen sind. Weder gibt es den „wahren Orient“ noch das „wahre Europa“. Eigen und fremd gehören zusammen. Das entspricht genau den Empfindungen, die mich vor Ort immer wieder bewegt haben. Nämlich das Gefühl, dass wir in Europa wesentliche Aspekte ausblenden und abspalten, die zu unserer Ganzheit dazu gehören. Teil davon ist auch ein verantwortungsvoller Umgang mit unserem kolonialen Erbe.

    Nachtrag zu Safa kam aus dem Westen: Sie kam aus Austria. Auster, der begriffliche germanische Ursprung bedeutet „im Osten“, gemeint war das Herrscherhaus Domus Austriae seit dem frühen Mittelalter. Safa kam also eigentlich aus dem Osten des Westens in den Osten. Je nach Perspektive ist man immer im Osten und im Westen.

  • Wilfred Thesiger – der gesegnete Sohn Londons in den Arabian Sands

    Wilfred Thesiger – der gesegnete Sohn Londons in den Arabian Sands

    Meine Ausgabe von Arabian Sands (Wilfred Thesiger, 1959) ist schon völlig abgegriffen. Vier Mal habe ich sie bereits gelesen, und immer wieder faszinieren mich die Beschreibungen dieses sehr ungewöhnlichen Briten. Als hochgebildeter Abgänger von Eliteschulen in England, hat er die westliche Lebensform verachtet und jede Möglichkeit gesucht, sich fernab zu bewegen. Dabei scheint ihn die Wüste auf der arabischen Halbinsel besonders bewegt zu haben. Zwei Mal hat er die Rub al-Khali zwischen 1946 und 1948 durchquert. In seinen Schilderungen geht er, neben ausführlichen Beschreibungen der Reiserouten, insbesondere auf die Lebensweise und sein Zusammenleben mit den Beduinen ein, mit denen er für seine gewagten Vorhaben eine Schicksalsgemeinschaft einging. Denn damals herrschte noch Krieg zwischen den Stämmen.

    „In those empty wastes I could find the peace that comes with solitude and, among the Bedus, comradeship in a hostile world.“

    Thesiger, W. (1959). Arabian Sands.

    Einer von ihnen: Mubarak bin London

    Dabei hat sich Wilfred Thesiger in einem Ausmaß assimiliert, das für einen Mann mit seinem Hintergrund außergewöhnlich wirkt. Wahrscheinlich wird er deshalb nach wie vor auf der gesamten arabischen Halbinsel verehrt, und nicht seine beiden Vorgänger, die für ihn gewissermaßen den Weg bereitet haben. Die Araber haben ihn als Mubarak bin London verewigt, das bedeutet so viel wie der „gesegnete Sohn Londons“.

    Nachtrag: It’s a men’s world – damals konnten Männer noch Männer sein. Als seine Leserin teile ich Thesigers Liebe für seine beiden Begleiter Bin Kabina und Bin Ghabaisha uneingeschränkt. Sie sind die Helden von Arabian Sands.

    Die Abbildungen sind Photos von Darstellungen im Jahili Fort Museum in Al Ain, Abu Dhabi. Dort wurde ein Museum für Wilfred Thesiger alias Mubarak bin London eingerichtet.

    Literatur: Thesiger, W. (1959). Arabian Sands.

  • Expedition Dasht-e Lut Dezember 2017

    Vom 12. bis 20. Dezember durchwanderten und erfuhren wir die Wüste Lut

    Ich war gemeinsam mit einer Gruppe von 12 Personen, geführt von Jerome Bloessner und fünf iranischen Guides, zehn Tage zu Fuß unterwegs. Als erste Gruppe lag es an uns, die Route und das Terrain zu erkunden. Alle TeilnehmerInnen waren erfahrene Wüstengeher. Das war gut, denn das Ungeplante hat uns an vielen Stellen bestimmt. Es hat unter anderem dazu geführt, dass wir nach fünf Tagen wesentliche Teilstrecken mit dem Auto zurücklegen mussten, da wir die Distanzen und vor allem die Beschaffenheit der Strecken anders nicht bewältigt hätten. Ich musste an einigen Stellen meine Komfortzone verlassen und habe extreme Erfahrungen zugelassen. Gleichzeitig bin ich wahrscheinlich die einzige Frau, die je in den Megadünen der Dasht-e Lut eine Fußzonenreflexmassage genossen hat und dazu iranischen Tee schlürfte. Die Begegnung mit der Dasht-e Lut war eine großartiges Erlebnis, ich fühle mich unglaublich bereichert und dankbar. Merci! wie die IranerInnen sagen.

    Hier die drei Teile meines Berichts, zu finden auch unter Journeys – Wüstenwandern:

    Teil 1: Magnitude meets Multitude 

    Teil 2: Magnitude meets Multitude

    Teil 3: Die Wüste lebt

     

    Auf den Spuren von …

    Alfons Gabriel, ein österreichischer Arzt, hat gemeinsam mit seiner Frau, Agnes Gabriel-Kummer, auf einer großen Persienreise die Wüste Lut durchquert. Ihre zum Teil selbst finanzierte Mission war die freie Forschung und dabei „einzudringen in noch übriggebliebene, unbekannte Räume und ihren Rätseln nachzugehen.“ In ihrem wunderbaren Buch: Durch Persiens Wüsten, beschreiben sie ihre Erlebnisse und Entdeckungen, die aktuell anmuten:

    „Dabei wollten wir den Zauber einer Welt aufnehmen, die mehr und mehr eingeschnürt wird von den Strömen des heutigen, alles umspannenden westlichen Lebens, die versinkt und hoffnungslos dahin schwindet.“

    Alfons Gabriel und die Forschungsreisen gemeinsam mit seiner Frau sind im heutigen Iran im Gegensatz zu Österreich sehr bekannt. Sein Name steht für die ersten Entdeckungsreisen in die großen persischen Wüsten, die ihn nachweislich in den Bann gezogen haben.

    „Eine eigene Anziehungskraft haben diese Wüsten, und mächtig sind die Eindrücke, die von den leblosen, menschlichen Maßstäben spottenden Gebieten auf Schauen und Denken ausgehen. Sternhaft einsam ist die Welt, die wir gesucht haben, ohne Regung, losgelöst von allem Irdischen, jenseits von Leben und Tod.“

    Alfons Gabriel (1935), Durch Persiens Wüsten

  • Wieso arabisch?

    Wieso arabisch?

    Was hat mich angetrieben? I don’t care I love it! So viele Rechtfertigungen und gute Gründe sind notwendig, damit es für andere nachvollziehbar wird. Dabei ist es ganz einfach. Wir wählen, wovon wir uns einen Mehrwert erhoffen. Ob ergebnisorientiert oder metaphorisch. Lernen, das Unbekannte, das Alte, das Mystische, das Angefeindete und Unverstandene. Mit der Hoffnung auf Erkenntnisse für das Neue, für Wachstum, Verstehen des Bestehenden mit all seinen Unterschieden, Akzeptieren. Neues Denken bringt neues Empfinden oder neue Qualitäten desselben zum Ausdruck. Neue Welten eröffnen und sich selbst wieder als Entdecker/in fühlen, eintauchen können, mit der Naivität eines Kindes. Von ganz vorne anfangen dürfen. Für manche Bedrohung, für manche Luxus, eine zweite, dritte Chance für die eigene Ganzheit.

    Annäherung über das Schöne

    Zuerst habe ich mich in die Ästhetik der Sprache verliebt. Mit seinem rauen Klang wirkt Arabisch auf EuropäerInnen erdig und reduziert. Die Sprache an sich ist poetisch und die Poesie wirkt daher auf mich wie ihre natürliche Ausdrucksform. Das Spannendste für mich ist das Eindringen in eine andere Art des Denkens, die sich in der arabischen Lebenshaltung widerspiegelt.

    Arabische Kalligrafie, KATJA

    Die Kalligraphie, die Schönheit des geschriebenen Wortes wurde zur Kunstform erhöht.

    KATJA in arabischer Schrift

    Eine neue Sprache eröffnet eine neue Welt

    Die arabische Sprache mit ihrer Grammatik belässt einen im Wesentlichen im Hier und Jetzt. Ohne dass es für das „Sein“ ein eigenes Wort verschwenden würde. „Es ist (einfach)“ in Bezug auf ein Objekt. Das zeitliche Geschehen spielt sich in der Gegenwart und in einer Vergangenheitsform ab, die Zukunft ist grammatikalisch möglich, aber sie wird kaum verwendet, denn wer bin ich schon, dass ich sagen kann was sein wird? Hier wird an die höhere Macht des Schicksals appelliert, diese aber auch in vollem Ausmaß akzeptiert. Inshalla! birgt gewissermaßen auch eine Demut vor dem Leben und reduziert die individuelle gestalterische Kraft des Menschen.

    Diese Haltung widerspricht unserem westlichen Machbarkeitsstreben und hat in Bezug auf unsere Ausrichtung auf Effizienz eine beeinträchtigende Wirkung. Der Planbarkeit werden auf diese Weise natürliche Grenzen gesetzt. Als gelerntes Selbstverständnis der einen, aber zum Entsetzen der anderen, der internationalen Business Community und dem wirtschaftlichen Wachstum.

    Das Beherrschen als unerreichbares Ziel, dafür die Poesie gefunden

    Einen Schatz gehoben, kostbar und in seinem Mehrwert nicht zu beziffern. Die arabische Literatur, alt und modern, ist überwältigend, reichhaltig und eröffnet mir immer wieder neue Horizonte. Noch kann ich mich ihr nur auf dem Weg der Übersetzung nähern, wenn man von bilderreichen Kinderbüchern absieht. Die kurze Erfahrung lehrt mich, meine Ziele zurückzuschrauben, aber die Ambition hoch zu halten. Anders werde ich nie ein arabisches Buch lesen oder in einen ernsthaften Dialog treten können. Womit ich eines meiner Lebensziele offengelegt habe. Wir werden sehen, Inshalla!

    Zum Hinein hören: Don’t live a half life, Gedicht von Khalil Gibran

    Beitragsbild: alte Schrifttafeln im Kalligrafie Museum in Sharjah, UAE