Jeden Tag ging ich an seinem Geschäft vorbei und starrte minutenlang in die Auslage. In Isfahan gibt es noch viele Geschäfte mit Miniaturmalerei, aber für mich gab es nur das eine. Die Kunstfertigkeit seiner Darstellungen ist überwältigend. Jedes mal, wenn ich davor stand, suchte ich einen unbedingten Grund, warum ich hinein gehen sollte, aber weder war Platz in meinem Gepäck noch hatte ich ausreichend Bargeld. Ich hatte gedanklich alles durchgespielt, Familie, Freunde, niemand hatte eine Jubiläum oder hätte große Freude an einer persischen Miniaturmalerei mit 2000 Jahre alten vorwiegend kriegerischen Szenen gefunden. Am letzten Tag, an dem ich eigentlich schon in Wien sein sollte, aber das ist eine andere Geschichte, bin ich jedenfalls hinein spaziert, und da saß links neben der Tür der Meister selbst.
Im Türkensitz auf einer Bank, thronte er und malte. Ich grüßte freundlich, schaute mich um und besprach so manches mit der Verkäuferin. Dann sprach er mich an, und wir begannen uns über Wien, Präsidentenwahlen und die Welt zu unterhalten, bis er mich einlud, mich zu ihm zu setzen. An irgendeiner Stelle musste ich gestehen, dass sich meine Liebe zur Malerei auf deren Betrachtung beschränkt. Ein leicht verächtliches Lächeln umspielte seine Mundwinkel und er meinte, wenn ich nur schreiben könne, dann müsse eben er für mich malen. Er nahm ein Blatt Papier von seinem Block, setzte den hauchdünnen Pinsel an und zeichnete hochkonzentriert, in einem Lauf dieses Portrait des Poeten Saadi, dasselbe, das er auch für Heinz Fischer bei seinem Staatsbesuch in Iran, gemalt hatte. Dann unterhielten wir uns über seinen Besuch in Wien, den Prater ….
Meine Maryam wird von vier Frauen verkörpert, sie alle heißen Maryam. Ich bin ihnen zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf meiner Reise durch den Iran begegnet. Ich spreche von einer viel-gesichtigen Maryam, ihr Alter bewegt sich zwischen 20 und 35 Jahren. Ihnen gemein ist nicht nur der Name. Ob nur für 30 Sekunden oder über mehrere Tage haben sie einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Jede auf ihre Art und Weise.
Maryam will weg aus dem Iran. Sie fühlt sich betrogen. Die Eltern hatten ihre Freiheiten in der Kindheit und haben dann für ihre Revolution gekämpft. Gegen die zu offensichtliche Ausbeutung durch das Schah-Regime. Die meisten wollten nicht, was letztendlich daraus geworden ist, sie haben vereint für Gerechtigkeit gekämpft. Auch ihre Söhne und Töchter sind unzufrieden. Aber sie hatten niemals die Freiheiten ihrer Eltern. Maryam will diese Freiheiten jetzt. Deswegen lernt sie, deswegen arbeitet sie, ist fleißig und engagiert.
Ich habe Maryam auf der Kanju-Brücke in der Nacht getroffen. Ich stand auf der unteren Ebene einer der schönsten Brücken Isfahans zwischen zwei alten Mauerbögen. Dazwischen saßen Männer auf dem Mauersims zusammen und sangen persische Lieder. Immer wieder hat einer von ihnen den Ton angegeben und vorgesungen, bis die anderen eingestimmt haben. Die Stimmung war heiter, aufgekratzt, sie haben sich gegenseitig animiert. Es wirkte befreit, ihre Energie war ansteckend. Wie aus dem Nichts tauchten drei uniformierte Polizisten auf und holten gezielt zwei Männer aus den Reihen. Sie standen auf und gingen ohne Umschweife wenn auch etwas ungläubig schauend mit. Wir alle standen sichtbar herum, das tat nichts zur Sache. Selbst die Anwesenheit Fremder hat die Uniformierten nicht zögern lassen. Sie waren weg, es wurde weiter gesungen. Da wandte sich die junge Frau im schwarzen Chador neben mir an mich und sagte nur: „Do you speak English? Iran is bad! They don’t want us to be happy. I want to go away.“ Dann stellte sie mir ihren kleinen Bruder Mohammad vor und verabschiedete sich sogleich. Sie ließ keinen Zweifel offen, sie hatte keine Angst, ihre Abscheu war deutlich. Ich wollte kalmieren, sprach vom System, sie sah mir gerade ins Gesicht und verschwand mit ihrem Bruder an der Hand.
Maryam schaut konsterniert und ernsthaft. Sie wickelt alles ab, bis jeder einzelne in der Gruppe seinen Zimmerschlüssel hat. Unbeirrt davon, dass andere daneben lange warten müssen. Dann schaut sie auf und strahlt mich persönlich an. Als Rezeptionistin hat sie den Überblick, die Situation fest im Griff, gleich wie viele Menschen anstehen. Maryam ist noch nicht dort, wo sie sein möchte. Sie hat eine gute Ausbildung, und sie hat einen Job, den sie voll ausfüllt. Die Männer daneben, Angestellte gleich wie sie, wirken dagegen blass und ungelenk, stellenweise fadisiert, wenn nicht faul. Maryam ist motiviert, sie möchte lernen, andere Länder sehen, sich beruflich entwickeln. Von verschiedenen Seiten wird an sie herangetragen, dass sie im richtigen Alter sei, jetzt endlich Kinder zu bekommen. Sogar die Ärztin hat zuletzt auf sie eingewirkt. Die Unsicherheit ist groß, damit fällt die Unabhängigkeit, denn Familie und Kinder bedeuten im Iran immer noch zumindest eine längere Job-Pause. Frauensache, wie so viele Lebensbereiche im Iran. Ihr Vorteil ist die Ausbildung, sie gibt den Frauen Selbstvertrauen und macht sie gegenüber ihren männlichen Kollegen überlegen, ob als Rezeptionistin, Übersetzerin oder Managerin halten sie das Heft in der Hand.
Maryam hat einen Zwillingsbruder und zwei ältere Brüder. Sie arbeitet als Deutschlehrerin und ist als Tour Guide viel im Iran unterwegs. Die Familie unterstützt das, gibt ihr die nötige Freiheit, allein mit Fremden auf Tour zu gehen. Im Zusammenhang mit Arbeit ist viel erlaubt. Wenn sie nicht unterwegs ist, lebt sie bei ihrer Familie. Sogar als Berufstätige und finanziell unabhängig mit Anfang 30 kann sie nicht alleine wohnen. Wenn sie zu Hause ist, streitet sie viel mit ihrer Mutter. Als Tochter muss sie mehr Ansprüchen gerecht werden als ihr Zwillingsbruder, der sich noch dazu keine Freiheiten nimmt. Maryam nimmt sich immer wieder etwas heraus, sie ist manchmal unpünktlich und erzählt zu Hause nicht alles. Das fällt insbesondere auf, weil der Bruder so artig und konform ist. Das macht es schwer für sie. Maryam hat einen Freund, von dem die Familie nichts weiß oder zumindest nichts mehr weiß oder so tut, als wüsste sie nichts. Maryam hat diesen Freund schon länger, und es kam der Zeitpunkt, an dem sie sich entscheiden musste. Denn langfristig wird die Beziehung gefährlich, sogar in liberalen Familien ist eine weiße Ehe auf Dauer nicht möglich. Die Entscheidung war klar für den Freund und gegen die Heirat. Wer will schon alle Freiheiten verlieren, kurzfristig zum Sprachstudium nach Europa, raus aus den engen Grenzen des Regimes und ein unabhängiges Leben unterwegs mit Kunden, die von der weiten Welt erzählen und neue Eindrücke mitbringen? Wenn sie nicht zu Hause ist, telefoniert sie mehrmals täglich mit ihrer Mutter. Sie vermisst sie dann, wenn sie nicht da ist. Da ist es auch leichter, nicht alles zu erzählen. Der Vater sagt zu alledem nichts. Er lächelt bekräftigend, mehr braucht es für sie nicht.
Chaos, Dreck und eine abgewohnte Stadt haben mich empfangen. Ich war schnell entnervt, als sie mir im Hotel, das ich mühsam per email vorreserviert hatte, mitteilten, es gebe doch kein Zimmer für mich. Die Alternative, die sie mir drei Straßen weiter zeigten, war einfach untollerierbar.
Milad Tower, Teheran
Im Iran ist fast alles anders. So viele Unbekannte und Ungereimtheiten haben mich am ersten Tag, mit dem gesamten Reisebudget für drei Wochen in bar am Körper, verunsichert. Heute fühlt es sich anders an, kein Ärger mehr, aber eine gewisse Unsicherheit ist noch da. Stundenlanges Laufen verunmöglicht mein beeinträchtigtes Knie. Ich muss mich zwischendurch hinsetzen und das Bein hochlagern, was schwierig ist, weil es in so einer großen Stadt nicht viele Sitzgelegenheiten gibt. Vor allem aber ist es völlig unpassend und unschick für eine Frau, ihr Bein in die Öffentlichkeit zu halten.
Eine neue Dimension
In der Früh habe ich vor dem Museumskomplex auf einer der raren Bänke mein Telefon liegen gelassen. Ein Mädchen ist mir weit nachgelaufen und hat es mir gebracht. Sehr freundlich. Überhaupt, die Frauen hier, eine neue Dimension. Sie sind aufmerksam, ermunternd, manchmal sogar keck, jedenfalls offen, zugänglich und interessiert. Eine Frau hat mitten auf der Straße mit mir persisch zu sprechen begonnen und dabei wie selbstverständlich die ganze Zeit meine Hand gehalten. Eine Wohltat für die Frauenseele, nachdem ich auf meinen Reisen im Nahen Osten auch unsolidarische Erlebnisse mit Frauen hatte. Auf der Straße laufen nichts desto trotz vorwiegend Männer herum, sie wirken locker und umgänglich und sie starren. Nicht nur, wenn mir wieder einmal der Schleier verrutscht. Ich verstehe das nicht, scheine auf Teherans Straßen die einzige mit diesem Problem zu sein. Schon bei der Ankunft am Flughafen, am Weg vom Visumschalter zur Passkontrolle, entglitt mir das Tuch. Auf einmal fühlt man sich nackt, schuldig und ausgeliefert, ob jetzt vielleicht irgendjemand kommt und sich beschwert oder die Moralpolizei eingreift. Es stresst mich, ständig greife ich mir auf den Kopf und immer wieder ist da nichts.
Dicke Tropfen prasseln herunter, Gewitter aber heute kein Hagel, obwohl die Berge im Norden bis tief hinunter schneebedeckt sind. Bei meiner Ankunft gestern war alles grau verhangen. Auf meine Frage nach dem Warum, habe ich vom Fahrer keine richtige Antwort bekommen. Nachdem die Perser sehr stolz sind, habe ich beim Thema Umweltschutz nach einiger Zeit nicht weiter nachgebohrt. Es waren aber eindeutig keine Regenwolken oder Nebel, sondern Smog. Die Luft im Stadtzentrum schneidet mir die Kehle zu, fast scharf kommen einem die Abgase und sonstige Verschmutzungen entgegen. Bei sechzehn Millionen Einwohnern und untertags angeblich an die zwanzig Millionen Menschen, viele davon im Auto, ist das nicht weiter verwunderlich.
Wie hält das Ding am Kopf?
Neues Tuch, selber Stress. Ich muss die nächste Iranerin ansprechen, wie sie das machen. Ich starre schon ziemlich unverschämt, habe aber noch keine Hilfsmittel ausgemacht.
Auf der Fahrt hier her, meine erste U-Bahnerfahrung im gemischt-geschlechtlichen Abteil, habe ich einige Nosejobs gesichtet und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Ich wusste vorher, dass es sehr viele Nasenkorrekturen und Schönheits-OPs in diesem Land gibt, aber das Pflaster ist überall und es wird mit Stolz getragen.
Heute im Cafe Naderi nachdem es gestern bereits geschlossen war. Von einem Armenier vor 100 Jahren gegründet, heruntergekommener Charme, der mich zum Schreiben und Verweilen einlädt. Guter Cafe, unglaubliches Service. Fünf Männer, die herumstehen, meist gemeinsam und sich nicht scheren. Keine Aufmerksamkeit. Getestet nicht nur mir gegenüber, sondern an diesem Tag generell, wird hier nicht bedient, eher wird zwischendurch etwas an den Tisch gebracht. Sehr schnell im Vergleich dazu, und vor allem unaufgefordert, die Rechnung. Ein großes fast leeres Cafe, so soll es wohl auch bleiben.
Jetzt habe ich gefragt: wie hält das Ding am Kopf? Simin, eine moderne junge Frau, die glücklicherweise Englisch spricht, sagt: ohne Hilfsmittel und es hält nicht. Wobei ich keine sehe, die so rumwurschtelt wie ich. Kein Spray, keine Haarnadeln, einfach jahrelange Übung und die Gelassenheit der schönen Frauen hier!
Zurückgekehrt. Im gleißenden Licht der Mittagshitze in die Rub wieder eingetaucht und in ihr aufgesogen. Der erste Schritt aus Ali’s Jeep in den Sand und alles ist mit einem Schlag wieder da – die Seele erinnert sich, die tiefe Ruhe greift sofort wieder Platz und nimmt mich ein.
Die besonderen Momente
Meine unermüdlichen Bemühungen, nach dem täglichen Marsch, mit dem jüngsten, neu ins Team gekommenen Beduinen, zu konversieren, erscheinen ein wenig sinnlos. Er, ein geborener Poet und Komiker, dem zu zuhören selbst ohne Verständnis des Arabischen bzw. Omanischen eine Wonne ist, hat gewonnen. Ich gebe mich seinem Singsang einfach hin und vergesse meinen Anspruch auf Lektionen.
Abends zum Sonnenuntergang, kraxele ich barfuß entlang der Dünenkanten hinauf auf eine der Dünen und genieße diesen Moment im schönsten goldgelben Licht, bevor die Finsternis über uns hereinfällt. Verdeckt, hinter einer Dünenwand, beginne ich zu tanzen.
Die aktuellen Ausschreitungen in Jordanien wundern niemanden, der in den letzten Jahren Zeit dort verbracht und erlebt hat, unter welchem Druck und finanziellen Nöten die Bevölkerung steht.
Biblische Schwere und Sehnsuchtsplätze
Ich fühle mich Jordanien sehr verbunden. Ich habe Plätze gesehen und erlebt, die mich in außerordentlicher Weise berührt haben. Jordanien ist ein biblisches Land, die meisten Plätze haben einen Bezug zu den ältesten Geschichten, die über die Bibel oder die Thora berichtet werden. Ich habe mit Erschrecken festgestellt, über wie wenig Wissen ich diesbezüglich verfüge und habe es genossen, von einer Jüngerin Jesu nicht nur mit höchst abstrusen Verschwörungstheorien und biblischen Vorhersagen versorgt worden zu sein, sondern durch sie auch einige der überlieferten Geschichten in Zusammenhang zu bringen. Das erkennt man nicht nur daran, dass sich einige ziemlich durchgeknallte westliche Menschen in Jordanien aufhalten, sondern auch daran, dass sich von Lot’s Höhle über Jesus‘ Taufstelle (die es natürlich sowohl auf israelischer wie auch auf jordanischer Seite des an dieser Stelle vielleicht 2 m breiten Jordan gibt), bis zum Berg an dem Moses gestorben ist, so vieles zwischen Palästina und Jordanien abgespielt hat. Der Platz am Toten Meer, an dem Salome für Herodes getanzt hat und Johannes seinen Kopf eingebüßt hat, hat es mir besonders angetan. Wenn schon für einen Herrscher tanzen, dann dort. Um Qais, die römischen Ausgrabungen an der Grenze zu Syrien und Israel mit Blick auf den See Genezareth und die Golanhöhen, hat mich in einer Weise berührt, die ich kaum beschreiben kann. Sollte ich wieder nach Jordanien fahren, dann wird dieser Ort sicher Teil davon sein so, wie die Wüste in Wadi Rum, die beide Sehnsuchtsorte von mir geworden sind.
Petra, Jordantal, Um Qais
Zu wenig zum Leben ….
Und all das wurde mir dann eines Tages zu viel, ich hatte das unbedingte Gefühl, die unglaubliche Schwere abschütteln zu müssen. Alles ist aufgeladen, es war für mich nichts Leichtes mehr dabei. Das spürt man vor allem in Amman, wo sich die politische Dimension in den Vordergrund schiebt. Die Jordanier sind bald die Minderheit im eigenen Land. Palästinenser, Iraker, Syrer sind in Amman allgegenwärtig und das in einem Land, das selbst zu wenig Wasser, Strom und im Grunde von allen Ressourcen hat, die man für das tägliche Leben braucht. Vor allem auch Geld, das unter anderem dringend nötig wäre, um die Belastungen durch die massive Umweltverschmutzung zu reduzieren. Die Gehälter, ich weiß es konkret von jungen Ärzten, sind so niedrig, dass man sich kaum vorstellen kann, wie sie sich das sehr teure Leben leisten können. Ausgenommen mein allerdings nicht mehr junger Arzt, der einer meiner wichtigsten Begleiter in Jordanien wurde. Er hatte trotz Warnung einen 19 Meter hohen geschmückten Christbaum im Garten. Die Ressentiments zwischen jordanischen Christen und Muslimen nehmen leider zu und führen dazu, dass einige von ihnen das Land verlassen.
Die Flüchtlinge in Jordanien, die nicht von der UN versorgt werden, sind auf sich selbst gestellt, weil Jordanien nicht einmal für die eigene Bevölkerung ausreichend Geld hat. Man begegnet sehr vielen Menschen, die in irgendeiner Weise traumatisiert sind und kaum Möglichkeiten haben, dies zu verarbeiten. Es legt sich wie eine Schicht von konstantem Stress über das Land und alle warten darauf, ob das System kollabiert. Absurderweise hatte ich das Gefühl der Erleichterung, als ich Zarka, eines der größten Flüchtlingscamps für SyrerInnen in Jordanien endlich vor Augen hatte. Selbst der Anblick aus der Ferne auf die Zeltstädte hat geholfen, vieles von dem was immer da ist aber nicht angreifbar war für mich, endlich zu realisieren.
Abschied
Ich habe in Jordanien viel gelernt und möchte die Erfahrung nicht missen. Der fromme und nette Guesthouse Besitzer im wunderschönen Nirgendwo des Jordantals dessen erste Gäste wir seit vier Monaten waren, hat es so formuliert: „you cannot only pick the sweets, you must take the whole box“. Er hatte eine aufgeschlossene Tochter, mit der wir ein interessantes Gespräch führten. Er macht es also irgendwie richtig.
Bereits an der Grenze haben mich Soldaten darauf aufmerksam gemacht, dass ich einen jüdischen Namen habe. Ganz ehrlich, das ist mir nie in den Sinn gekommen, obwohl es ja auf der Hand liegt. Das musste erst einmal sickern. Als ich dann in Tel Aviv war, wurde ich ständig auf der Straße hebräisch angesprochen. Ich dachte, das wäre normal, bis mich jemand darauf aufmerksam gemacht hat, dass ich jüdisch aussehe. Nun gut, das war dann doch eher neu für mich. Als ich es meiner Landlady in Amman später erzählt habe, gestand sie mir, dass sie sich das auch gedacht und sich Sorgen gemacht hatte, da sie in diesem Fall als NGO arabische Unterstützung verlieren könnte.
Vom Mittelmeer zum Roten Meer durch die Wüste
Tel Aviv und Jaffa sind so etwas wie twinCities, sie liegen direkt nebeneinander. Die eine jung, modern, dynamisch, sprühend mit Kunst und new business, die andere welkt in ihrer alten arabischen Schönheit dahin und bildet mehr die malerische Kulisse vor dem Meereshorizont.
Auf meinem Weg von Jaffa über die Negev Wüste nach Eilat war ich mit dem Zug und Bussen unterwegs. Die meiste Zeit war ich die einzige zivile Reisende und sonst umgeben von jugendlichen SoldatInnen mit Gewehren am Schoß und einer eigenartig geladenen Stimmung an Board. Zum Glück gibt es Mobiltelefone, sonst hätte mich die Sprachlosigkeit dieser jungen schwer bewaffneten fadisierten Menschen noch nervöser gemacht. Drei Jahre mit Rüstzeug in der Wüste herum zulaufen ist sicher nicht lustig. Von Mitzpe Ramon, auf der Spitze eines beeindruckenden Wüstenkraters nach Eilat gibt es nur einen öffentlichen Bus, in den ich im Nirgendwo ziemlich naiv eingestiegen bin, um mich am Boden sitzend zwischen SoldatInnen wieder zu finden, die in neun unterschiedliche Militärcamps am Weg gebracht wurden. Die Vorstellung, für eine Jüdin gehalten zu werden fand ich in diesem Moment übrigens unglaublich entspannend, vor allem als ich beim Panzer Camp 20 Minuten auf den nächsten Shuttle warten musste.
Nach diesem Trip war ich so erleichtert, wieder über die jordanische Grenze zu dürfen, dass ich dem ersten Soldaten fast um den Hals gefallen wäre. Vor allem nachdem er erfahren hat, dass ich in Jordanien arabisch studiere und daraufhin die Grenzsoldaten aus dem Büro zusammengelaufen sind, um mich herzlich willkommen zu heißen: Ahlan wa sahlan! war ich echt gerührt und bin erhobenen Hauptes auf die wartenden Taxifahrer zugesteuert, um die Verhandlung zu eröffnen.
In Bethlehem dominieren neben der acht Meter hohen Mauer, die mitten durch die Stadt schneidet die religiösen Stätten eingehüllt in eine befremdliche touristische Nebelwand. Busweise werden Menschen herangekarrt, auf der Suche nach biblischen Schau-Plätzen und christlichen Ursprüngen. Es herrscht eine Energie, die mich in einen latent nervösen Zustand versetzt hat und ich kämpfte permanent gegen mein Bedürfnis, mich den Gewaltphantasien nicht auszusetzen und zu fliehen. Bethlehem ist aufgrund der Mauer mit den Wachtürmen so extrem, dass ich die ganze Zeit das Gefühl nicht los wurde, Statistin in einem der alten Nazi Filme zu sein.
Der immanent spürbare religiöse Fanatismus von Christen, orthodoxen Juden und Muslimen machte auch Jerusalem für mich zu einer Stadt, in der mir ständig übel war. Abgesehen davon, dass an jeder Ecke ein Maschinengewehr mit jugendlicher/m SoldatIn steht. Ich habe die Al-Quds University in Ostjerusalem kennengelernt, die direkt an der Mauer liegt. Der Plan der Israelis war, die Mauer durch die Universität zu ziehen und sie damit tot zu machen. Glücklicherweise hatte die Uni damals einen kampfstarken Philosophen als Rektor und mit Barack Obamas Hilfe, der während seines Ph.D. Studiums dort war, konnte der Plan abgewendet werden. Die Mauer verläuft jetzt genau rund herum, und man kann nicht an die Uni ohne einen Checkpoint zu passieren. Ein Freund von Mohammad hat mir auch die Uni in Bethlehem gezeigt, dort ist die Situation ein wenig entspannter, weil der Vatikan involviert ist. Ich hatte kurz überlegt, an einer der Unis mein Sprachenlernen fortzusetzen, aber trotz der wunderbaren Menschen, die ich dort kennen lernte, konnte ich mir einfach nicht vorstellen, mich dieser repressiven Situation auf Dauer auszusetzen. Mein Ausflug zu den schönen Märkten und den grünen Randbezirken Jerusalems hat an diesem Gefühl wenig geändert.
Nach all diesen Erfahrungen habe ich mich entschieden durch Israel zu fahren, da es mir immer schwerer gefallen ist, den Rassismus – und etwas Anderes ist es nicht in meinen Augen – zu verstehen und diesen nicht auf die Menschen zu übertragen. Ich muss ehrlich sagen, dass es mich körperliche Anstrengungen gekostet hat, mich in den Bus nach Tel Aviv zu setzen. Ich bin aber sehr froh darüber, den Schritt gemacht zu haben, denn Tel Aviv ist eine völlig andere Welt mit coolen Typen, Beach, New Business, Bauhaus, e-bike und e-board FahrerInnen – eine heilsame Gegenwelt zu Jerusalem. Ich war zunächst einmal völlig überfordert, habe zum ersten Mal seit drei Monaten ein kurzärmeliges Shirt angezogen und schöne Menschen dabei beobachtet, wie sie ihre Rassehunde am trendigen Boulevard Gassi geführt haben. Ich habe einige interessante Menschen kennen gelernt und konnte ein differenziertes Bild für mich entwickeln. Dazu gehörte auch ein Druse im Wüstencamp der Negev, der arabischer Herkunft ist aber mit einer Jüdin zusammenlebt, obwohl das gegen alle Anstandsregeln in seinem Heimatdorf verstößt. Nicht so sehr, weil sie Jüdin ist, sondern wegen dem vorehelichen Sex. Alles scheint hier so komplex und historisch verstrickt, dass ich mich immer wieder gefragt habe, was hier ein normales Leben sein kann.
Mein letzter Palästinabesuch hat mich nachhaltig beschäftigt und nicht losgelassen. Es war klar, dass ich da wieder hin muss – trotz oder gerade, das weiß ich selber nicht so genau. Dieses Mal war ich vier Tage in einem palästinensischen Flüchtlingslager nahe Hebron. Ich bin durch meinen sehr geschätzten Arabischlehrer hingekommen, da sein Doktorvater dort lebt. Das Lager besteht seit der ersten großen Vertreibung 1949 und aus den Zelten sind längst Häuser geworden. Es gibt in Palästina einige solcher Lager, die man zunächst als Stadtteil wähnt, aber sie sind besonders. Es gibt keine richtigen Straßen, da die Wege zwischen den Häusern nicht groß genug sind, daher auch keine Autos, schlechte Versorgung und im Falle des Camps, in dem ich gewohnt habe, leben 14.000 Menschen aufgefädelt auf einem Kilometer. Da es keinen Platz gibt, wird nach oben aufgestockt, wodurch es bei Mohammad in der Kleinwohnung zum Beispiel kaum Tageslicht gibt. Die Israelis haben sichtlich nicht damit gerechnet, dass die Menschen in den Camps ausharren und sich weiter vermehren. Auch in der palästinensischen Gesellschaft sind sie Menschen zweiter Klasse, weil sie Besitzlose sind. Im Arabischen muss man ein Haus haben; das kommt in seiner Bedeutung gleich nach der Familie.
Als ich ankam, war Mohammad noch nicht da und ich habe zwei Stunden bei seiner Familie verbracht. Sehr originell, weil keiner der Anwesenden Englisch sprach und mein Arabisch dort gerade mal als Pausenfüller reichte. Ein zahnloser sehr freundlicher Herr und ich hatten einen zwar wortarmen aber sehr intensiven Austausch und wir haben uns gegenseitig ins Herz geschlossen. Später stellte sich heraus, dass er ein Bruder ist, der in Bethlehem am Bau arbeitet. Er versteht viel und hat ein großes Herz, ich hatte also meinen ersten Vertrauten im Camp. Dann kam Mohammad, den ich ja gar nicht kannte, und der eine Ausländerin bei sich wohnen ließ, das ist ja doch außergewöhnlich hier. Aber nicht für Mohammed, denn er besitzt nicht nur einen großen Geist, sondern ist auch ein überzeugter und überzeugender Humanist. Innerhalb dieser vier Tage hat er mir viel über sich und die Geschichte seiner Familie erzählt. Ich konnte ihm, so wie vielen anderen, im Wesentlichen nur zuhören und weiß ehrlich gesagt nicht, wie man so ein Leben aushält.
Mohammed spricht vier Sprachen und wir haben uns in einer Mischung aus arabisch, spanisch und englisch unterhalten, da ich hebräisch nun aber wirklich nichts zu sagen wußte außer Shalom. Fast jeder, der uns im Camp begegnet ist, saß zu irgendeinem Zeitpunkt in einem israelischen Gefängnis, wobei das Camp nicht zu den aufrührerischen zählt. Die Menschen wirken eher resigniert. Mohammed sagte zu einem Zeitpunkt: „wenn du in der Westbank lebst, bist du immer in einem Gefängnis entweder in einem kleinen oder in einem großem aber du bleibst eingesperrt“. Und das stimmt, denn als Palästinenser hat man keine Bewegungsfreiheit, Mohammed darf nirgends außerhalb der Westbank hinreisen, außer nach Jordanien. Seit 2001 darf er nicht einmal mehr nach Jerusalem, so wie jeder unverheiratete Palästinenser. Jeden Abend um 20 Uhr kommt ein israelisches Polizeiauto und sperrt das Haupttor zu. Man kann dann zwar trotzdem noch nach Hause, aber nur über Umwege, und das trifft auf viele der israelischen Maßnahmen zu, die dazu dienen, das normale Leben enorm zu erschweren. In der Früh, wenn die Kinder in die Schule gehen und dabei die Hauptstraße überqueren müssen, wird die Straße für Araber gesperrt, damit die jüdischen Siedler schneller durchfahren können. Manches wirkt einfach unfassbar zynisch, aber es gibt schon lange keine Änderungen, die zu einer Verbesserung führen würden.
Mit Blick auf Sinai in Ägypten – eingekesselt von Saudi Arabien zur Linken und Israel zur Rechten. Einer der jungen Männer zückt unvermittelt seine Oud und beginnt zu spielen. Wunderbare Musik zum Sinnieren und Arabisch Lernen.
Dieser Artikel von Qantara beschreibt aktuell, wie im Golf die Sprachkompetenz des Arabischen immer mehr zurück geht. Das gilt aus meiner Sicht nicht nur für den Golf. In allen Ländern, in denen ich arabisch lernen durfte, habe ich ähnliche Beobachtungen gemacht. Hier meine Gedanken zu den Unmöglichkeiten des Arabischen in der modernen Zeit nach Erringen meines ersten Zeugnisses:
Ich habe die Abschluss-Examen an der Jordan University bewältigt und bin nach 2-monatigem Sprachstudium nun Besitzerin eines Zertifikates über die erfolgreiche Absolvierung von Level 1 Arabisch. Für mich ist das eine Errungenschaft, auf die ich durchaus stolz bin. Kann ich deswegen Arabisch? Natürlich nicht!
Gnädiger Herr, hätten Sie die Güte ….
Dazu eine kleine Ausführung: Die Arabische Sprache im Sinne des Standard-Arabisch ist die Grundlage aller gesprochenen arabischen Sprachen in den 22 Ländern der arabischen Welt. Es ist die Schriftsprache, die in dieser Form allerdings in keinem Land alltäglich gesprochen wird. Man könnte auch sagen, es ist die Gelehrtensprache, die Sprache des Koran, die für Eingeweihte blumig und altertümlich klingt. Wenn ich mir also mit meinen mühsam erworbenen Kenntnissen einige Sätze abringe, sind die Reaktionen der Bevölkerung zwischen belustigt und ungläubig, dass da jemand in Shakespear’scher Manier versucht, mit ihnen zu konversieren.
Mein besonderes Vergnügen ist, die bereits beschriebenen Taxifahrer auf diese Weise zu beglücken. Es muss so ähnlich klingen wie: „Gnädiger Herr, hätten Sie die Güte mich mit Ihrem Gefährt auf den Weg zu bringen ….“ Deswegen habe ich parallel begonnen, ein paar Worte in Amieh, der Dialekt-Sprache der Region rund um Syrien, Palästina und Jordanien zu lernen. Man könnte es auch so beschreiben, dass ich in Italien bin und Latein lerne. Durchaus verwandt aber doch ganz anders. Dazu kommt noch, dass Standard-Arabisch, ähnlich wie Latein, unendlich kompliziert aufgebaut ist, weswegen es ja kaum jemand spricht. Um einen Satz zu formulieren, muss ich alleine für die Bildung des Verb 19 Konjugationen geistig durchspielen, da im Standard-Arabisch nicht nur zwischen Geschlechtern, Singular und Plural, sondern auch zwischen 2 und mehreren unterschieden wird. Dazu kommen noch die unterschiedlichen Zeiten wie bei uns im Deutschen. Und das ist nur ein Beispiel von mehreren Verkomplizierungen, die dazu führen, dass ich mehr denke als spreche. Mein Arabischlehrer findet, dass das bei mir sehr lustig aussieht. Er kann an meinem Gesicht und der Tiefe meiner Stirnfalte bereits ablesen, wo ich hängen geblieben bin.
Nur 15.000 – 18.000 neue arabische Bücher jährlich *
Viele AraberInnen haben inzwischen Schwierigkeiten, die Grammatik von Standard-Arabisch richtig anzuwenden. Das ist einer der Gründe, warum AraberInnen so wenig Gedrucktes lesen. Das sehe ich als Problem, weil es dazu führt, dass zu wenig Wissen über die eigene Kultur ebenso wie fremde Kulturen und Geschichte vorhanden ist. Intellektuelle Auseinandersetzungen werden dadurch erschwert. Aber soweit bin ich noch nicht. Ich beschränke mich derzeit noch darauf, in der Sprache des Seneca (leider ohne dessen Inhalte) auf Taxifahrer und Händler einzureden und Antworten auf Italienisch im schlimmsten sizilianischen Dialekt zurück zu bekommen. Eine interessante sprachliche Pattstellung, aber ich bin auch in China auf den Berg gekommen.
Der Beitrag über die Fortsetzung meines Arabisch Lernens wird aus gutem Grund geheim gehalten. Ich weiß zu wenig, um die Sprache zu beherrschen aber ausreichend, um sie in all ihrer Schönheit und philosophischen Kraft zu bewundern. Ein Playdoyer über die Arabische Hochsprache und die Bedeutung ihres Erwerbes – Ff.