Autor: katja

  • Salome tanzt

    Jordanien: Zwischen Madaba und dem Toten Meer liegt mitten in den karstigen Hügelketten das Dorf Mkawir. Von dort führt eine römische Straße hinauf auf einen Kegel, auf dem sich die traurigen Ruinen des Palastes Machaerus, im wesentlichen in Form einer einzelnen aufrechten Säule und Mauerresten, befinden. Dieser Palast gehörte Herodes dem Großen König von Judea, und nach der Überlieferung tanzte Salome in diesem Palast für ihn, um ihr Opfer, Johannes den Täufer, einzufordern. Dieser Platz ist nichts, zeigt und hat nichts, und doch fühlt er sich für mich magisch an. Dort, und nur dort mit dem Blick auf die Hänge des Toten Meeres, würde ich ventilieren für einen großen König zu tanzen.

  • Der Sheikh

    drawing with pencil showing houses in al-Salt

    Ich bin mit meiner Freundin Anne nach al-Salt gefahren, einer alten schönen arabischen Kleinstadt nahe Amman. Al-Salt liegt auf den Hängen zwischen zwei Bergen und auf einer dieser Erhöhungen thront eine alte Burg. Diese wollten wir natürlich besichtigen und wir sind bei 40 Grad mittags die Stufen hinaufgestiegen. Nach einiger Zeit sind diese Stufen im Leeren gelandet, weshalb Anne Zweifel hatte, ob wir wohl am richtigen Berg wären. Da ich bereits am Ende meiner Kräfte war und keinesfalls zurückwollte, um drüben wieder hinaufzuklettern, habe ich mit allem Gewicht, das ich zur Verfügung hatte behauptet, wir seien schon richtig und bin zur Unterstreichung meiner Gewissheit in einen Privatgarten gesprungen, an dessen Mauer die Stufen endeten.

    Wir konnten unentdeckt hinaus huschen, auf der Straße hat uns dann ein Herr angesprochen und er meinte, wir wären quasi am Privatberg des Sheikhs und alle Häuser gehören zur Familie. Mit fehlenden Erklärungen, wie wir da hingekommen wären, habe ich mich auf Lächeln verlegt. Da wir uns in einem arabischen Land befinden, sind wir natürlich nicht verjagt worden, sondern bei einem Cafe im Haus des Sheikhs gelandet. Dieser ist bereits in den 70ern und strahlte richtige Autorität aus, er ist ein Freund des Königs und gehört einer der größten Familien in der arabischen Welt an. Dann kam noch der Sohn und Nachfolger und hat uns das älteste Haus der Familie mit einer unglaublichen Terrasse gezeigt, es gab Früchte, Datteln, Kaffee, Tee und nach einer Stunde hat uns der Driver zurück in die Stadt gebracht. Diese business card habe ich aufgehoben.

    Szenen aus al-Salt. Bilder und Skizzen von der Malerin Renate Teuchmann

  • Alltag in Amman – Normalität?!

    Der Alltag gestaltet sich in Amman als große Herausforderung, die täglich neu zu bewältigen ist. Sehr oft wollen wir einfach nur raus aus der Stadt. Das wirkt immer und lindert den unmittelbaren Druck. Es ist nicht leicht zu beschreiben, aber wenige halten es lange aus in Amman. Anbei ein paar Auszüge aus den Erfahrungen des täglichen Lebens:

    Dicke Luft in Amman und die Spezies der Taxifahrer

    Blick in den Staub vor dem Universätsgebäude

    Ich sitze hier sehr schniek mit einem pinken, nassen Lappen im Genick an meinem Schreibtisch und habe soeben die Hoffnung aufgegeben, heute mein Arabisch weiter zu entwickeln. Uns hat vor 3 Tagen die Hitzewelle erwischt gepaart mit einer gigantischen Staubwolke, die Amman für einige Stunden völlig eingenebelt hat. Als die Staubwolke einfiel, stand ich gerade auf der Straße, um ein Taxi zum Zahnarzt anzuhalten. Das Taxifahren an sich ist ein riesiges Kapitel im Leben dieser Stadt, bei 10 Metern Sichtweite in der Rush Hour hat es sich als fast unbewältigbar herausgestellt. Da es in der Stadt kein organisiertes öffentliches Verkehrsnetz gibt, ist man auf Taxis angewiesen, außer man hat das Glück, einen Bus auf einer der Stadtautobahnen anzuhalten.

    Die Taxifahrer sind einerseits die Sklaven des Höllenverkehrs, andererseits gerieren sie sich als Diven für die man ein breites Repertoire entwickeln muss, sonst ist man einfach immobil. Ich habe mich diesbezüglich schon ziemlich entwickelt, einerseits habe ich mir arabischen streetslang angeeignet, den ich an der Uni natürlich nicht lerne, andererseits bereite ich jede Taxifahrt vor und das täglich. Die Araber orientieren sich nämlich nicht an Straßennamen, die abgesehen davon auf jedem Plan unterschiedlich heißen, sondern an Landmarks. Das ist für Nicht-Amman-Bewohner schier unmöglich, denn die Moschee tut es natürlich nicht, die gibt es in jeder Straße. Es war mir anfangs völlig rätselhaft, aber irgendwie funktioniert es.

    Das Schwierigste ist, ein Taxi zu bekommen, da sie entweder besetzt sind oder gerade nicht disponiert sind oder dein Ziel einfach nicht super finden. Die Kunst ist es dann während der Fahrt von der Bitt- in die Kampfstellung so überzugehen, dass es der Taxifahrer (es gibt nur ein Geschlecht in diesem Gewerbe) nicht bemerkt. Das betrifft Preisverhandlungen genauso wie Diskussionen über den Ehestand und die Anzahl der Kinder und vor allem die eigene Sicherheit. Unlängst musste sich meine Freundin Anne aus dem Taxi retten als der Fahrer aufgrund des Verkehrs ausgerastet ist und sein Schwert unter dem Sitz hervorgeholt hat, um damit auf einen anderen Autofahrer loszugehen. Das zählt zwar zu den Ausnahmen, aber richtig verwundert bin ich auch nicht gerade.

    Gelassenheit statt Ergebnisorientierung

    Apropos Bewältigung des Alltags, ich darf berichten, dass ich nach 5 Wochen meinen Antrag mit allen Stempeln und Unterschriften für die Registrierung zusammen hatte und beim Dean vorgesprochen habe. Ich muss zugeben, dass ich in einem fragilen Zustand bei ihm war, weil auf dem Weg dahin zu viele Behördenbesuche lagen. Ich war so glücklich, das geschafft zu haben, bis er mir mitteilte, dass alle meine Unterlagen für eine Person in Australien ausgestellt wurden. Als er meinen Gesichtsausdruck sah, hat er eine sehr untypische empathische Haltungsweise eingenommen, sonst weiß ich auch nicht was passiert wäre. Alles von vorne konnte er mir nicht ersparen, inzwischen liegen meine Papiere im Innenministerium, von dem ich einen Stempel benötige, um einen Aidstest machen zu dürfen, mit dem ich dann zur Polizeistation gehen darf, um meine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen. Heute erhielt ich einen Anruf, dass sie eine schönere Kopie meines Passes möchten, ich darf also morgen nochmals nachreichen.

    Das Beruhigende daran ist, dass es nicht nur mir so geht, sondern allen – das aber blöderweise in jeder Lebenslage. Mein größtes Lernen war also, niemals und zwar wirklich niemals mit dem Anspruch irgendwo hinzugehen, etwas erledigen zu wollen. Man geht zur Post, zum Arzt, zum Magistrat – wohin auch immer zunächst einmal um die Lage zu sondieren und zu sehen, was es so gibt, wenn der Tag lang ist. Jedes Schriftstück und jede Auskunft muss mehrfach gegengecheckt werden, weil sie das nächste Mal sicher in bisschen anders ist oder jemand anderer gegenübersitzt oder….

    Hier geht es zum 1. Beitrag über Die Ankunft in Amman während des Ramadan.

  • Voices: Muezzin, Downtown Amman

    Amman, am Dach eines schäbigen Hotels in Downtown; Ramadan, abends, alles still; endlich! der erlösende Ruf zum Fastenbrechen (Iftar)

  • Arabisch lernen – schweischwei

    Ich bin an der University of Jordan am Language Center in das „Program for Non-Arabic-Speakers“ eingestiegen. Mein Aufnahmetest war rasch beendet, und ich landete ohne allzu viele Demütigungen bei den AnfängerInnen. Level 1 von 8 finde ich grundsätzlich beruhigend, klein anfangen entspricht meiner akademischen Selbsteinschätzung völlig – aber es sieht aus wie eine Lebensaufgabe!

    Wir haben Sonntag bis Mittwoch täglich fünf Stunden Unterricht, die restliche Zeit ist Selbststudium, und die haben wir bitter nötig, um dem Unterricht halbwegs folgen zu können. Ein etwas gewöhnungsbedürftiger Charakterzug der akademischen ArabischlehrerInnen ist ihre Ungeduld mit Lernenden, verbunden mit einer Geringschätzung, die individuell unterschiedlich stark ausgeprägt ist, aber keinen Zweifel offen läßt, dass man sich den Zugang zur Klasse der Wissenden hart verdienen muss. Ich kann mich auch des Eindrucks nicht verwehren, dass der Begriff der modernen Pädagogik relativ zur regionalen Zone verstanden werden muss. Aber ich bin ausreichend selbstmotiviert und konnte die verunsicherte Arabischlehrerin beruhigen, dass ich kein Problem mit meinem Alter habe, und sie deswegen auch keines haben muss. Lernen ist hier noch ein Konzept für Junge, und das endet früh im Leben, denn auch der Araber stirbt nicht mehr mit 30.

    Wir absolvierten bereits die ersten Examen. Nachdem meine letzte Prüfung der „open water diver“ Tauchkurs war, habe ich mich angestrengt. Ich zähle zu den guten Schülerinnen, wer hätte das gedacht? Es macht viel Spaß, aber es bringt genauso viel Verzweiflung und Zweifel an den eigenen Lernkapazitäten. Mein Ziel? Ich bin ja nicht verwegen und peile daher nicht alte arabische Poesie an, aber eine Zeitung lesen zu können oder mich an einer Konversation beteiligen zu können – irgendwann? Gestern habe ich mir ein arabisches Kinderbuch gekauft in der Hoffnung, darin bald die Bildunterschriften lesen zu können. Der Ausdruck dafür ist شوية شوية „schwei schwei“. „Langsam, langsam“ oder „schön pomale“ auf Wienerisch, das ist eines der grundlegenden Motti hier im Alltag.

  • Voices: Muezzin in Jerusalem

    Da waren wir dann doch überrascht. Klar erhob sich die Stimme des Muezzin über Jerusalems Altstadt. Auf so engem Raum wird allen Religionen gehuldigt, innerhalb der alten Stadtmauern haben noch alle eine Stimme.

    Zum Weiterlesen: Grenzübertritt Palästina – Ramadan in der West Bank

    Zum Weiterhören: Muezzin in Amman

  • Grenzübertritt Palästina – Ramadan in der West Bank

    Grenzen überschreiten

    Israelische Warntafel für Area A

    In Jordanien leben aufgrund der zahlreichen Flüchtlingswellen mehr Palästinenser als Jordanier. Egal wo man hinkommt begegnet man PalästinenserInnen. Jordanien hat sich lange Zeit westlich und östlich des Jordan definiert, das wurde erst durch den Krieg mit Israel verändert. Seit 1994 gibt es ein Friedensabkommen, Jordanien ist eines der wenigen arabischen Länder, das Israel anerkannt hat, weswegen es Grenzübergänge und politischen Austausch gibt. Zum Ende des Ramadans bin ich mit Anne für fünf Tage nach Palästina gefahren, um die Westbank zu erkunden. Jerusalem ist von Amman zirka eine Stunde entfernt, wir haben für diese Distanz sieben Stunden benötigt. Wir waren in nur 20 Minuten an der Grenze. Dort startete ein absurdes Prozedere, das sich stellenweise wie in einem Viehtransport anfühlte. Man wird in unterschiedliche Busse verfrachtet, muss im Niemandsland unter dem Meeresspiegel bei 45 Grad auf einer Brücke stundenlang warten, um unterschiedliche Checkpoints zu passieren, um dann Schlange zu stehen, bevor man von der israelischen Grenzwache interviewt wird. Wenn man, so wie wir, einige arabische Stempel im Pass hat, ist das natürlich ganz schlecht. Wir wurden zuerst getrennt interviewt oder mehr interrogiert, dann wurde uns der Pass abgenommen und wir mussten auf ein Interview zu zweit mit dem Manager warten. Wir hatten eine Geschichte vorbereitet, die zum Glück gehalten hat, denn was sie gar nicht hören möchten ist, dass wir gerade in Amman leben, arabisch studieren und die Westbank besuchen wollen. Also haben wir von Bauhaus in Tel Aviv, inklusive Architekturinteresse und Reise durch Griechenland und Italien eine Geschichte gespannt, die zum Glück trotz wirklich gemeiner Fragen gehalten hat. Israel möchte verhindern, dass Ausländer in palästinensische Gebiete fahren und dort die Zustände sehen, die kurz gesagt ziemlich unglaublich sind.

    Das Unfassbare

    Ich kann das hier gar nicht beschreiben, es würde zu weit führen, aber unser Aufenthalt in der Westbank und speziell in Hebron hat mein Menschenbild verändert. Es sind unmenschliche Zustände, unter denen die Menschen leben müssen, und wir waren nicht einmal in Gaza, wo es viel schlimmer ist. Ich denke, dass nur ein Volk, das selbst geknechtet worden ist, auf diese Weise mit anderen Menschen umgehen kann. Auf der anderen Seite sind wir in der schönen Altstadt von Nablus ständig über Schreine von jungen Männern gestolpert, die wie bei uns die Heiligen am Marterl verehrt werden. Ungeprüft gehe ich davon aus, dass sie alle Selbstmordattentäter waren.

    Wir haben in Ramallah gewohnt und dort sehr offene und lebhafte Menschen kennen gelernt, mit einigen von ihnen sind wir nach wie vor in Kontakt. Das Fest zum Ende des Ramadans ist wie Ostern und Weihnachten gleichzeitig, Tohuwabohu, Kitsch, gemischt mit religiösen Inhalten. Besonders finde ich, dass der Grund für die Menschen, den Ramadan einzuhalten in erster Linie wirklich darin liegt, dass für einen Monat im Jahr alle gleich sind. Es geht darum, sich auf die Stufe der Armen zu stellen und durch das Schaffen der Gemeinsamkeit Solidarität zu zeigen. Diese Form der kollektiven Selbstreduktion erscheint mir gesund und hat mich beeindruckt.

    Fotos von Nablus

    Fotos von Ramallah

    Geheiligte Stätten

    Wenn du alles verstehst, bist du kein Mensch mehr sondern Gott (nach Abu Said)

    Zum Schluss waren wir noch einen Tag in Jerusalem und haben am Tempelberg den Beginn der folgenden Ausschreitungen miterlebt. Der Tempelberg ist durch die beiden Moscheen ein muslimisches Heiligtum und steht unter palästinensischer Hoheit. Die Sicherheit wird aber durch Israel sichergestellt. Da die Juden unter der Moschee einen jüdischen Tempel vermuten (sie dürfen natürlich nicht graben, um es herauszufinden), bestehen manche ultraorthodoxe Juden darauf, vor der Moschee religiös zu praktizieren. Ihr könnt euch vorstellen, wie das bei den AraberInnen ankommt, wir durften nicht einmal das guide book vor der Moschee lesen, obwohl sie mir grundsätzlich glaubten, dass es sich um keinen religiösen Text handelte. Auf einmal sind 10 schwer bewaffnete Israelische Militärs mit ein paar Orthodoxen aufgekreuzt, um zu ermöglichen, was für manche Muslime blasphemisch ist. Daraus entstanden Proteste, die wieder mit Militärgewalt beendet werden mussten. Niemand hier glaubt unter den gegebenen Umständen und den derzeitigen politischen Interessenlagen an eine Lösung in diesem Konflikt. Ich möchte unbedingt bald wieder hinfahren, es gibt hier so viel zu verstehen das wahrscheinlich niemand verstehen kann. Zumindest nicht rational, es entzieht sich jeder Logik und wie Abu Said schon gesagt hat: „Eindeutigkeit gibt es nie in der Wirklichkeit, sondern nur in der Eindimensionalität.“ Gleichzeitig sagt Platon: „Die Wahrheit offenbart sich zwischen uns im Dialog“. Es gibt also noch viel zu tun.

    Zum Hineinhören: Ruf des Muezzin in Alt-Jerusalem

    Die Zitate stammen von Dzevad Karahasan und seinem wunderbaren Buch der Trost des Nachthimmels (Suhrkamp)

  • Ankunft in Jordanien – Ramadan kareem

    Ich bin nun zwei Wochen in dieser Stadt, und jeder Tag ist ein eigenes Projekt. Ich schwanke zwischen Jubel „Wow! Heute habe ich zum ersten Mal im Restaurant für eine vegetarische Bestellung kein Huhn bekommen“ und Schreien, weil eingesperrt auf der Toilette im leeren Amtsgebäude der Uni vor dem langen Wochenende nachdem ich heimlich Wasser getrunken habe. Um es kurz zu machen: Ja, ich wurde nach einiger Zeit gerettet, weil ich glücklicherweise mein Handy mit der Nummer der Uni bei mir hatte und vor allem, weil die Person am anderen Ende zufälligerweise Englisch konnte. Das war aber ein außergewöhnlicher lucky punch, den ich nicht so oft hier erlebe.

    Es ist schön in Amman, einer grauen, aber bewegten Stadt, die von sieben auf 19 Hügel angewachsen ist – und das – trotz dürftiger öffentlicher Infrastruktur. Iraker, Palästinenser, Syrer, derzeit Saudis (in 5-Sterne-Hotels gibt es auf den Zimmern in der Minibar Alkohol), Expats und nicht zu vergessen Jordanier. Im Moment ist allerdings alles nebensächlich außer Ramadan. Für die Muslime, die sich daranhalten, bedeutet das, ein Monat von 5 Uhr früh bis 8 Uhr abends nichts zu sich zu nehmen, das heißt kein Wasser, Essen, Tabak, alles verboten. Währenddessen wird hauptsächlich geschlafen und reduziert gearbeitet. Diejenigen, die arbeiten müssen, sind nicht in bester Laune, dafür ist um 8 Uhr Fastenbrechen, und dann geht das Leben los. Zuerst in den Häusern – kurz davor ist es mucksmäuschenstill in der Stadt – und dann auf der Straße. Für Nichtmuslime bedeutet das, ständig zwischen Dehydrierung und, in einer stinkenden Klokabine versteckt, heimlich Wasser Schlürfen herum zu jonglieren – beide Zustände inklusive Unterzuckerung und folgendem Fressanfall (es könnte ja das letzte Mahl sein) erlebe ich täglich. Weshalb man auch ohne Fasten ziemlich mitgenommen ist. Dazu kommt noch, dass wir StudentInnen (ich bin natürlich die Älteste, aber dazu ein andermal) untertags fit sein müssen, weil die Uni echt hart ist, und in der Nacht mithalten müssen, denn dann gibt es auf einmal etwas zu essen. In einem der wenigen legalen illegalen Cafés im christlichen Bezirk in Downtown das uns einmal Schutz und Wasser gegeben hat, saßen wir hinter zugezogenen Vorhängen und mit unterdrückter Lautstärke. Wir hatten ein gewisses Unruhegefühl, und die Tür war immer unter Beobachtung. Tatsächlich ist es in Jordanien so, dass die Polizei einschreitet, wenn Menschen auf der Straße Wasser trinken, ich möchte auch nicht die Reaktion der Fastenden erleben müssen.

     

    Ich bin nach einer Woche in Downtown nun zwar näher bei der Uni aber am Rande der Stadt gelandet – auf dem Dach des Hauses eines Freundes einer Freundin, auf dem es einen kleinen Aufbau gibt. In diesem Horst mit sehr rudimentärer Einrichtung habe ich die letzte Woche verbracht. Wenn ich von meinem Dach auf die karstigen Hügel hinunterschaue, sehe ich große Autos, die zu den letzten Häusern hinfahren. Und einen Esel, auf dem einer der sehr Armen, umgeben von stinkenden Schafen, auf den Hügeln hin und her reitet. Insgesamt eine wilde Mischung mit Hunden, die in den Hügeln leben, und Katzen, die rund um die Mülltonnen hausen. Die Familie von Mohammad, meinem Gastgeber, ist entzückend, und ich durfte gestern bei Iftar, dem Fastenbrechen, dabei sein. Mit meinen ersten Arabischkenntnissen habe ich zum Amüsement der Familie beigetragen. Meine Manner- und Pischinger-Schätze sind längst geleert, weil ich so viele nette und unterstützende Menschen kennen lerne. Der Grund warum ich hier gelandet bin ist der Ramadan. Apartments sind in durchmischtem Zustand, um es höflich auszudrücken, und teuer, weil so viele Menschen hierherkommen. Vor allem aber kann man sie nur zwischen 22 und 24 Uhr besichtigen, denn vorher wird gegessen und davor wird geschlafen.

    Ich ziehe als nächstes für zwei Wochen in ein Apartment nahe der Uni, weil ich versuche, höflich zu sein, und mich nicht dauerhaft auf dem Dach einnisten möchte. Höflichkeit ist allerdings ein arabisches Universum, das ich noch lange nicht verstehen werde.

    zum Hören: Muezzin in Down Town Amman

    zum Weiterlesen: Arabisch lernen – schweischwei

     

    Malerin Renate Teuchmann skizziert farbige Ansichten auf die Stadt Amman
    Amman, Renate Teuchmann

    Das Titelbild „Amman“ stammt von der Malerin Renate Teuchmann aus der Serie Jordanienreise.

  • Aufbruch 2015 – Aufgabe und Weichenstellung

    Story without Glory

    Wie kommt man auf die Idee, einen interessanten Job, gut bezahlt mit ansprechender Position, aufzugeben? Ist es eine Frage von Mut? Nicht für diejenigen, die eine Alternative im Kopf haben oder gelernt haben, los zu lassen. Das Neue und vor allem das Unbekannte machen Angst. Wir wollen an dem festhalten, was wir uns erarbeitet und erwirtschaftet haben, wir wissen, womit wir kalkulieren können, und wollen keinen Schritt zurückgehen. Es soll immer nach vorne, nach oben gehen. Aber Wachstum passiert nicht linear. Innehalten ist vielleicht kein Schritt nach vorne, aber die Voraussetzung dafür, dass es keinen Stillstand gibt. Manchmal hilft ein Zustand des Befreit-Seins oder des Nichts, um neue Wege zu eröffnen. Partner und Kinder werden oft vorgeschoben, um genau das nicht zu tun. Rücksichtnahme ist oft eine Ausrede, um selbst nicht aktiv werden zu müssen, so, wie wir ständig andere für unser eigenes Glück verantwortlich machen.

    Die gute Position ist als solche bewertet, weil sie mit Ansehen, Geld und Macht versehen ist. Alles, was dazu gehört, um in unserer Gesellschaft als erfolgreich zu gelten. Der Jobtitel reicht. Dazu muss man gar nichts mehr hinzufügen. Keine dummen Fragen, weil er/sie ist Unternehmer/in oder Manager/in und hat eine verantwortungsvolle Position. Wie gehen aber Manager und Unternehmerin damit um, wächst er/sie noch? Wie sieht das das Team? Man kann es nicht alleine lassen, andere nicht hängen lassen. Bin ich so einmalig, dass die anderen nicht übernehmen könnten? Festhalten engt ein, die Sicht, die Kompetenz, die Wachstumsmöglichkeiten, die noch nicht da, aber schon in Reichweite sind. Und vor allem die eigene Überhöhung, zurück zur Angst, sich neu beweisen zu müssen, sich nicht ausruhen können auf Bewährtem, bereits erobertem Terrain.

    Und dann sind wir enttäuscht, dass so viel brach liegen geblieben ist, wir unser Potenzial nicht ausschöpfen konnten. Wir immer einfach weitergelaufen sind, ohne uns umzudrehen oder kurz stehen zu bleiben, um zu entdecken, dass wir in die falsche Richtung laufen oder gar nicht mehr orientiert sind, wo wir eigentlich sind, und ob um uns herum noch andere sind, die uns dabei begleiten oder ob wir völlig alleine sind und die anderen hinter uns gelassen haben, ohne es zu bemerken. Wie in allen Beziehungen geht es auch bei der Arbeitsbeziehung um eine Verortung, die Überprüfung des eigenen Beitrags und des Vermögens, Gutes rund um uns zu stiften. Zweifel sind gesund, sie gehören dazu, sind kein alleiniges Indiz „zu lassen“. Oft muss man durch schwierige Phasen durchgehen, sie bestehen, um persönlich oder gemeinsam zu wachsen. Aber es gibt Punkte die Endpunkte darstellen. Für diese Erkenntnis braucht es nicht unbedingt Mut, aber Offenheit und das Befreit-Sein von Ängsten. Der Mut zeigt sich schon in einer Aktivität. Wir handeln, weil wir entschieden haben.

    Allein das Aufgeben ist es wert. Eine heilsame Erfahrung. Klärend und befreiend; vor allem, wenn man die Freiheit hat, den richtigen Zeitpunkt zu wählen, umsichtig die Weichen zu stellen. Dann, wenn es am schönsten ist. Das heißt nach drei Bissen Schokolade, die am Gaumen zergehen und gerade ihren feinen Geschmack entfalten, das Papier zusammenzufalten und die Schokolade zurückzulegen. Von dort, wo wir sie hergenommen haben. Mit gutem Gefühl. Eine Sache der Willenskraft, der Achtsamkeit und des Trainings. Denn wer außer uns definiert, wie viele Bissen es sein sollen?

    …Reichthum und Schnelligkeit ist was die Welt bewundert und wornach jeder strebt;
    Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Facilitäten der Communication
    sind es worauf die gebildete Welt ausgeht,
    sich zu überbieten, zu überbilden und
    dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren.

    Goethe an Carl Friedrich Zelter
    6. Juni 1825

    Goethe war bekanntlich ein Bewunderer der arabischen und der persischen Kultur und er setzte sich mit dem Islam in positiver Weise auseinander. Goethe suchte die Sprache zu erlernen, wie es die Forscherin Katharina Mommsen höflich ausdrückte, und er beschäftigte sich mit Arabistik. Speziell in seinem Werk West-östlicher Diwan nimmt er dichterisch direkten Bezug. Aber auch Wilhelm Meisters Wanderjahre sind nach eigenen Angaben von Sheherazade in 1001 Nacht beeinflußt. Katharina Mommsen über Goethe und die arabische Welt im Insel Verlag, Frankfurt 1988

  • Das leere Viertel – das erste Mal

    Rub al-Khali 2014.

    Mein Einstieg in die größte Sandwüste der Welt, das Leere Viertel zwischen Oman, Jemen, Saudi Arabien und den VAE. Die Rub al-Khali wurde in den 1930er Jahren von einem Engländer erst begangen. Zehn Jahre später hat Wilfred Thesiger, mein Hero, die Rub zwei mal mit Beduinen aus dem Oman gänzlich durchquert. Sein Buch: Arabian Sands ist nach wie vor der Maßstab für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Wüste und der damaligen einzigartigen Lebensform seiner Einwohner, den Beduinen und ihren Kamelen.

    Nach meinen ersten Wüstenerfahrungen in der Sahara (Marokko) und der Gobi (China, Mongolei), war ich sehr aufgeregt, als ich das erste mal die Rub al-Khali betrat. 14 Menschen zehn Tage zu Fuß unterwegs mit drei Beduinen entlang der omanisch saudischen Grenze. Befangen von der Unendlichkeit der Dünenlandschaft. Auf Wilfred Thesiger’s Spuren 70 Jahre später, Kamele getauscht gegen Jeeps und sonstige Annehmlichkeiten. Trotzdem große Anstrengung. Amur und Ali sind unser Bin Ghabaisha und Bin Kabina.

    Der imprint ist da, die Rub hat sich in mir für immer verewigt und läßt mich nicht mehr los.

    Treiben im Dünenmeer

    Die Farbe des Sandes – je nach Lichteinfall gelb, rot leuchtend – das Zusammenfließen der Wadis mit ihrem harten Untergrund und den Erhebungen der mächtigen Dünen, für mich ist die Rub niemals leer, sondern in ihrer Leere unglaublich vielfältig. Die weiß schimmernden Gipseinschlüsse geben von der Weite den Eindruck, als lägen zwischen den Dünen weiße Seen, in der Nähe bilden sie einen malerischen Kontrast zu den changierenden Sandfarben. Vor diesem Hintergrund entwickelt das Gehen, die reduzierte Geschwindigkeit des Fortkommens durch den Sand, ihre meditative Qualität. Die Weite und die Stille werfen mich auf mich selbst zurück, keine Ablenkung kann Gefühle der Demut und Dankbarkeit wegwischen. Aber ich bin Bauhaus und nicht Barock, für manch andere/n mag diese Reduziertheit bedrohlich wirken.

    Taht al Nutschum – arabisch für „unter den Sternen“ – verbringen wir die Nächte. Sie sind kalt und klar, nichts verstellt die Sicht auf die Millionen Sterne, die Sternschnuppen und die Milchstraße, außer die eigene Müdigkeit, die mir innerhalb weniger Minuten jeden Abend die Augen schließt.

    immer und immer wieder – I’ll be back!